Ein dörflicher Kulturträger

Vorarlberg / 24.04.2026 • 16:53 Uhr
Ein dörflicher Kulturträger
Lehrer Hans Berchtold mit seinen erwachsenen Kindern (v.l.):Josef (Wirt, Bürgermeister und Organist), Johann (Wirt und Kunstmaler), Ursula ( verh. Loacker, Adlerwirtin). Wolfgang Berchtold (2)

Historische Biografie: Der Götzner Lehrer Hans Berchtold (1810–1898).

Die Bedeutung der Vorarlberger Lehrerschaft als Kulturträger und Agenten des Fortschritts im 19. Jahrhundert ist kaum hoch genug zu veranschlagen. Das betrifft auf kultureller Ebene die Praxis der weltlichen und geistlichen Musik, des Theaters und der Gelegenheitsliteratur sowie des Verfassens von Chroniken. Das seit etwa 1865 aufblühende Vereinsleben wäre ohne den Beitrag engagierter Lehrer kaum denkbar gewesen. Dabei ging es nicht nur um die Kultur in der heutigen Wortbedeutung, sondern auch um die damals als Kultur bezeichnete Agrikultur. Obstbau-, Molkerei- und Imkervereine entstanden in vielen Gemeinden des Landes. Gefördert wurde das Interesse an landwirtschaftlichen Verbesserungen durch die Fortbildungsschulen, die in etlichen Kommunen für die pflichtschulentlassene männliche Jugend angeboten wurden. In jener der Gemeinde Götzis vermittelte der initiative Schulmann Johann Berchtold bereits seit Beginn der 1870er-Jahre Unterricht in Zeichnen, Rechnen, Flächenmessung, Aufsatzlehre, Obstbau, Düngerlehre und Drainage. Da diese Fortbildungsschulen von den Gemeinden zu finanzieren waren und mehrheitlich von liberalen Lehrern betrieben wurden, standen sie lange in der Kritik der Konservativen. So auch in Götzis, wo der Kulturkampf zwischen liberalem Bürgermeister und konservativem Pfarrer zeitweise nicht nur heftige, sondern geradezu gehässige Formen annahm. In diesem politisch erhitzten Klima wurde der gemäßigt liberale Lehrer Johann Berchtold mehrfach zur Zielscheibe von Angriffen durch das katholisch-konservative Vorarlberger Volksblatt. Das verursachte zwar Ärger, tat den volksbildnerischen und landwirtschaftlichen Reformaktivitäten des Oberlehrers keinen Abbruch.

Geboren wurde Johann Berchtold (genannt Hans) am 26.5.1810 in Götzis als Sohn des Lehrers Josef Berchtold und der Bibiana Ludescher. Bereits als 17-jähriger folgte er seinem Vater in Götzis als Lehrer und blieb in dieser Profession in den folgenden 54 Jahren als Unter- und Oberlehrer sowie als Schulleiter. Er, sein Großvater, sein Vater und schließlich einer seiner Söhne prägten das Götzner Schulwesen für gut hundert Jahre ohne Unterbrechung. Die Lehrtätigkeit von Hans Berchtold fiel in eine Zeit der besonderen politischen Auseinandersetzung. Das liberale „Reichsvolkschulgesetz“ regelte erstmals die Unabhängigkeit der Schule von der Kirche und definierte die Schule als staatliche Institution. Dieser Einflussverlust empörte Kirche und konservative Partei dermaßen, dass stellenweise zum Boykott der Schule aufgerufen wurde. So musste beispielsweise der Expositus von Meschach nach einer Verurteilung wegen Verhetzung die erkleckliche Strafe von 50 Gulden entrichten. Solche Strafen kühlten zwar die ärgsten Hitzköpfe ab, die allgemeine Stimmung aber blieb aufgeladen.

Ein dörflicher Kulturträger
Eines der ältesten Vereinsfotos des Landes aus dem Jahre 1865 zeigt die Mitglieder des Gesangsvereins Harmonie. Aufgenommen wurde das Bild vom „Liedermeister“ des Vereins Josef Anton Straub. In der Bildmitte der Vereinsgründer Hans Berchtold.

Sein öffentliches Engagement hatte Hans Berchtold aber längst vor diesen vergifteten Jahren begonnen, zu einer Zeit als es noch keine Parteien gab. Bereits als 14-jähriger gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der ersten Götzner „Musikbande“. Gut 25 Jahre später vereinigte er verschiedene Singgruppen 1861 zum Gesangsverein „Harmonie“. 1890 wurde er als Erster zum Ehrenmitglied dieses Chores ernannt. Auch bei der Götzner Schützengilde war er von Anfang an als erster Oberschützenmeister aktiv.

Wie auch anderen Lehrern zu dieser Zeit war ihm der Obstbau ein wesentliches Anliegen: aus wirtschaftlichen Gründen und ebenso aus volksbildnerischen. Gutes Tafelobst sollte einen Beitrag zur Volksgesundheit leisten und nicht nur wie bisher überwiegend nur zur Herstellung von Most und Schnaps dienen. In einer eigenen Baumschule zeigte der Oberlehrer den Fortbildungsschülern wie saure Mostobstsorten veredelt werden konnten. Allen Ausschulenden schenkte Berchtold ein Bäumchen aus seinen Beständen

Auch der pädagogischen Standesvertretung widmete er Zeit und Aufmerksamkeit. Dafür wurde er anlässlich seines 50-jährigen Lehrerjubiläums zum Ehrenmitglied des Vorarlberger Lehrervereins ernannt.

Bereits als Unterlehrer absolvierte er bei der k.k. Straßenmeisterei eine Ausbildung zum Geometer. In dieser Funktion entwarf er den ersten großen Gemeindeplan für seine Heimatgemeinde, führte die Vermessung von Grundstücken durch und fungierte schließlich auch als Planer für Gebäude. So erstellte er 1860 auch den Bauplan für die erste Vereinssennerei Götzis. Einen weiteren Zusatzverdienst für den schlecht bezahlten Lehrer bildete seine Tätigkeit als Unteragent für die Versicherungsgesellschaft „Riunione Adriatica“, als deren Hauptagent der Hohenemser Samuel Menz fungierte.


Berchtold war aber nicht nur als Lehrer und Musiker ein Kulturträger. Er trat auch als Gelegenheitsdichter bei feierlichen öffentlichen Anlässen auf. Ein besonders beziehungsreiches „Weihelied“ gelang ihm zur Eröffnung des neuen Götzner Schulhauses im Jahr 1887. In den ersten Strophen wird den Erbauern gedankt, dann das Schulhaus in seiner Bedeutung in eine Reihe mit anderen öffentlichen Häuser gestellt und in der Schlusszeile noch die aufklärerische Mission der Liberalen angedeutet: „Wenn Finsternis und Roheit fleucht, dann ist der Zweck der Schul’ erreicht.“ Aufklärung und Kultivierung waren für Berchtold die Schlüsselbegriffe für all sein rühriges Tun. Das kam aber nicht überall gut an. In einem ausführlichen Artikel voller Häme beanstandete das konservative Vorarlberger Volksblatt 1870 die fehlende Qualifikation der liberalen Lehrer von Götzis, weil diese unbewiesene, angeblich wissenschaftliche Lehren über Mensch und Natur von sich geben würden. Als einer von diesen Lehrern bekommt auch Berchtold seinen Teil ab. „Das dritte Wissenschafts-Stück von Götzis“, schrieb das Volksblatt, „ist ein alter grauer Eisbär, der sich in allen Wassern gewaschen hat.“ Diese Charakterisierung unterstellte dem engagierten Schulleiter Kälte und Durchtriebenheit, obwohl er bei den Schüler/innen für sein „Wohlwollen und seine Gutmütigkeit“ bekannt und bei der Dorfgemeinschaft als „liebenswürdiger Gesellschafter“ geschätzt war. Noch Jahre danach war dieser Insult gegen den angesehenen Lehrer empörtes Thema im Dorf

Von der Dorfgemeinschaft und der Schulbehörde wurden die Leistungen von Hans Berchtold allerdings gewürdigt. Er habe sich nicht nur „auf dem Gebiete des Volks-Schulwesens,“ meinte der Schulinspektor anlässlich der Dekorierung des langjährigen Lehrers mit dem Goldenen Verdienstkreuz, er habe sich „auch in anderer Weise seiner Gemeinde nützlich gemacht.“ Der Ruf seiner „verdienstvollen Tätigkeit“ sei „über die Grenzen der Gemeinde hinaus bis zum Throne des erhabenen Monarchen gedrungen.“ Letzteres war allerdings eine damals gängige Huldigungsfloskel. Beim Festakt im Dezember 1877 in Götzis feierten nicht nur die Erwachsenen, auch alle Schulkinder wurden mit „Brot, Wurst und Wein“ bewirtet.

Verheiratet war der rührige Schulmann mit Maria Katharina Summer aus Weiler. Da die Gattin bereits 1864 verstarb, war Berchtold wesentlich länger Witwer als Ehemann. Alle drei Kinder der Eheleute wurden später Wirte bzw. Wirtin: Josef als Sonnenwirt, Ursula als Adlerwirtin und Johann als Lindenwirt.

Im September 1894 ernannte der Gemeindeausschuss den pensionierten Lehrer für seine unermüdliche Tätigkeit und seine nützlichen Anregungen einstimmig zum ersten Ehrenbürger von Götzis. Dabei würdigte der Bürgermeister ausführlich die öffentlichen Verdienste von Hans Berchtold und überreichte ihm ein „prächtig ausgestattetes Diplom.“ Als Berchtold im hohen Alter am 12. Juli 1898 starb, nahmen an seiner Beerdigung unzählige Menschen aus dem Dorf und von auswärts teil. In den Nachrufen wurde er für seine „wohlwollende Herzensgüte, seinen stets heiteren Sinn, seine Bescheidenheit und seinen offenen Charakter“ gerühmt. Nur mit dem Pfarrer gab es wieder Ärger. Die Familie hatte um eine nachmittägliche Begräbnisfeier angesucht, damit die zahlreich angekündigten Teilnehmer von auswärts leichter rechtzeitig in Götzis sein konnten. Der Pfarrer bestand aber auf dem Vormittag.

Hundert Jahre nach den Aktivitäten und Ehrungen des fortschrittlichen Schulmanns wurde die Straße, in der er von seiner Geburt bis zum Tod gelebt hatte, in „Hans-Berchtold-Straße“ umbenannt und eine Gedenktafel, die an den außergewöhnlichen Gemeindebürger erinnert, angebracht.