Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Faulheit

Vorarlberg / 13.09.2023 • 11:45 Uhr

Schon als Kind war Chester einer, der sich verlangsamt bewegte und auch verlangsamt dachte, was aber seiner Intelligenz keinen Abbruch tat, eher im Gegenteil, durch das schlafende Denken kam er oft zu bedeutsamen Ergebnissen, die zwar kaum einer verstand, aber immerhin. Chesters Eltern, zwei studierte Köpfe, waren in Sorge um ihren Sohn. Sie verstanden ihn nicht, wussten aber, dass aus ihm etwas Bedeutsames werden konnte. Oder soll ich sagen: könnte.
„Eine Art Isaac Newton“, sagte die Mutter, „wo immer das auch hinführen mag.“
„Ein Gelehrter kann Gutes wie auch Schlechtes anrichten“, sagte der Vater. „Warten wir ab, er ist erst neun Jahre alt.“

„Er hatte einen weichen Schal um den Kopf gewickelt, der immer wieder verrutschte, weil er die kratzende Wollmütze nicht ertragen konnte.“

In eine gewöhnliche Schule konnten sie Chester nicht schicken.
„Ich will versuchen, ihn zu unterrichten“, sagte die Mutter, und das tat sie auch.

Sie konsultierten zudem einen Arzt. Der meinte, Chester könnte an Melancholie leiden, war sich aber nicht sicher. Er passe ganz und gar nicht in das Schema. Man könne einige Versuche mit ihm anstellen – das wollten die Eltern nicht.
Die Mutter verzweifelte in ihrem Unterricht, weil sie ihrem Sohn nicht nahe kam, nicht erkennen konnte, was der Bub sich dachte, wie er dachte, ob er überhaupt dachte.

Ihr Mann gab zu bedenken, dass es viele Arten von Menschen gibt. „Vielleicht ist er ja auch nur faul“, sagte er, „unser Chester.“

Im kalten Winter wollte die Mutter dem Buben das Schlittschuhlaufen zeigen, Frischluft würde ihm guttun, merkte aber bald, dass es für Chester unmöglich war, sich auf dem Eis zu bewegen. Ihn fror an den Ohren. Er hatte einen weichen Schal um den Kopf gewickelt, der immer wieder verrutschte, weil er die kratzende Wollmütze nicht ertragen konnte. Er jammerte. Zu Hause kam ihm die Idee mit den Ohrenschützern. Er bog sich einen Draht zurecht, den seine Mutter mit einem Stück Fell ihres ausrangierten Pelzmantels umwickelte. Das war der perfekte Schutz für Chesters Ohren. Die Eltern waren stolz auf ihren Sohn. Das erste und einzige Mal.

Der Vater ließ die Erfindung patentieren und verdiente damit einiges an Geld, so dass sich die Familie eine Reise leisten konnte und einiges mehr. Das war aber auch schon die einzige Erfindung, auf die Chester verweisen konnte.
„Viele Erfinder sind faul“, sagte der Beamte auf dem Patentamt.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.