Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Maßloses Erinnern

VN / 04.02.2026 • 09:00 Uhr

„Ich kann das nicht“, sagte sie.

Er sagte: „Zähle nicht auf mich.“

Sie: „Du traust mir zu viel zu.“

Er: „Du sagst, du kannst es nicht, ich sage, ich will es nicht.“

War es Versagensangst oder Koketterie? Man wusste es bei ihr nicht so genau. Einerseits wirkte sie, als ginge sie auf Eis, unsicher, mit Blick auf den Boden, andererseits zeigte sie ihr unnahbares Gesicht, das heißen konnte: Warte nur ab, du wirst dich noch wundern.

Er, der Freund, wollte sie provozieren, dachte sich, dann kann sich ihre Blockade lösen. Was für eine Blockade denn? Es war keine körperliche Verspannung, keine psychische Hemmung. Er glaubte, es war das schlechte Gewissen, das sie quälte. Lange hatten sie sich nicht gesehen, und als sie sich wieder trafen, konnten sie sich nicht in die Augen schauen. Er meinte, es liege an ihr, sie meinte, es liege an ihm.

Sie sagte: „Was hindert dich daran, mir in die Augen zu sehen?“

Er: „Gerade wollte ich dich Ähnliches fragen.“

Sie: „Liebe ist ein Schlachtfeld.“

Er: „Das war einmal. Was ist dein Problem? Ist es mein Aussehen, ich bin fett geworden? Du nicht.“

Sie: „Quatsch! Wir sind über dieses Alter hinaus.“

„Also“, sagte er und bemühte sich um einen geraden Blick, „worum geht es?“

„Es handelt sich um eine Erinnerung zweier Menschen, die nicht Wort gehalten haben.“

„Du meinst die Sache mit der sogenannten großen Lüge?“

„Genau, diese Sache meine ich“, sagte die Frau. Sie biss sich in die Unterlippe. „Gib endlich zu, du hast mich verraten.“

„Ich habe mich einer Aussage enthalten, mehr war nicht“, sagte der Freund.

„Du weißt genau“, sagte sie, „ich konnte Manuel nicht anschwärzen.“

„Anschwärzen? Ist das nicht ein zu harmloses Wort? Er war ein Verbrecher! Er hat die Frau mit einer Waffe bedroht!

„Ihr ist nichts passiert.“

„Du hast ihm ein Alibi gegeben und von mir erwartet, dass ich dasselbe tue. Er sei bei dir gewesen in dieser Nacht.“

„Er war bei mir in dieser Nacht.“

„Das weiß ich inzwischen. Zweimal betrogen, nennt man das. Aber eben nicht die ganze Nacht war er bei dir.“

„Manuel ist nicht verurteilt worden. Jetzt ist er ein anständiger Papa. Also vergessen wir es!“

„Du hast die Frau in der Tankstelle besucht, habe ich gelesen.“

„Wo hast du das gelesen?“

„Halt wo man so etwas liest.“

„Sie war so zerrissen wegen meiner Aussage …“

„Falschaussage! … dass sie schließlich ausgesagt hat, sie kann sich an nichts mehr erinnern. Als Verrückte ist sie hingestellt worden. Als Böswillige.“

Die Frau nahm die Hände des Freundes und drückte sie. „Zwanzig Jahre sind vergangen. Es ist vorbei“, sagte sie. „Glaub mir, ich hatte kein gutes Leben, ich traue mir nichts zu.“

„Vielleicht ist das die Strafe.“

„Sag das nicht, bitte!“, flüsterte sie.

„Gehen wir unsere Wege, du den deinen, ich den meinen.“

Er drehte sich um und ging davon. Sein Mantel wehte wie eine Wolke, weil er ihn nicht zugeknöpft hatte und ein starker Wind war.