Neu anfangen statt aufgeben

Nach einer beruflichen Niederlage lernte Frank Kipping in Goa, wieder an sich selbst zu glauben.
BREGENZ Es ist kurz vor halb acht Uhr abends. Das Geschäft ist schon zu. Frank Kipping hat trotzdem noch zu tun. Wie immer. Jetzt aber legt der Orthopädieschuhmachermeister das Werkzeug beiseite, die Arbeitsschürze ab und lässt sich auf das Sofa nahe der Eingangstür nieder. Noch Streicheleinheiten für seinen Mischlingsrüden Indie, der auf dem Polstersessel daneben vor sich hindöst, dann beginnt Frank, Bilanz über sein bisheriges Dasein zu ziehen. In seinen 51 Lebensjahren geschah viel Schönes, betont er. Es waren aber auch gehörige Herausforderungen zu bewältigen. „Ich bin ein Kämpfer“, stellt er klar. „Wenn ich falle, bleibe ich nie liegen, sondern stehe sofort auf und mache weiter.“
Es ist der 3. November 1971, ein Mittwoch, als sich Frank Kipping auf den Weg ins Leben macht. In Bregenz. Seine Mutter Irmgard ist aus Gramais im Tiroler Lechtal, der Vater Gerd ein Orthopädieschuhmachermeister aus Hamburg. „Meine Eltern haben sich im Lechtal kennengelernt, wo mein Vater Urlaub machte“, erzählt Frank. „Sie heirateten 1970 und zogen dann zusammen nach Bregenz.“ Hier wächst Frank mit seiner Schwester Silke auf. Hier lebt er noch immer.

In Vaters Fußstapfen
Fasziniert von der Geschwindigkeit – „je schneller desto besser“ – träumt Frank als Kind von einer Karriere als Autorennfahrer oder Skirennläufer. Stattdessen tritt er, 15-jährig, in die Fußstapfen seines Vaters, absolviert bei ihm die Lehre zum Orthopädieschuhmacher. Den Grundwehrdienst leistet Frank nach bestandener Gesellenprüfung bei der Gebirgsbrigade in der Lochauer Kaserne.
Nach dem Militärdienst zieht es ihn nach Lech zur Firma Strolz Sport und Mode in die Abteilung Maßskischuhe. Frank hat vor, nur eine Saison bei diesem Unternehmen zu arbeiten: „Es wurden 18 Wintersaisons daraus und sechs Sommersaisons in Australien bei einer Partner-Firma von Strolz.“
Wenn ich falle, bleibe ich nie liegen, sondern stehe sofort auf und mache weiter.
In der australischen Metropole Sidney lernt er Kelly kennen. Sie wird seine Frau und die Mutter seiner Zwillingssöhne Phoenix und Finn. Kelly folgt ihm nach Bregenz. Die Ehe hält sieben Jahre. Als die Kinder zwölf Jahre alt sind, kehrt Kelly mit ihnen nach Australien zurück. Leicht war das nicht für den Vater, Sidney ist nicht gerade um die Ecke. „Aber dank Videotelefonie habe ich intensiven Kontakt mit meinen Jungs“, sagt Frank. „Außerdem habe ich sie zweimal im Jahr besucht.“ Bis Corona da ist und drei Jahre lang nichts mehr geht. Heuer zu Ostern kamen Kelly, Phoenix und Finn nach Bregenz. Und Frank konnte endlich wieder seine nun 18-jährigen Söhne umarmen.

Frank ist auch Vater eines weiteren Sohnes und einer Tochter: Nathon (7) und Leyla (5) leben mit ihrer Mutter in Bregenz. „Ich bin stolz auf meine vier Kinder“, betont Frank. „Sie haben mich am stärksten geprägt.“
Auszeit in Goa
Beruflich ist es für Frank Kipping nicht immer rund gelaufen. 2007 übernimmt er das Geschäft seiner Eltern. Im Jahr darauf meldet er Konkurs an. Er wird krank, schlittert in eine Depression: „Ich war geschäftlich und gesundheitlich am Arsch.“ Er braucht eine Auszeit, reist mit Kelly und den Zwillingen nach Goa in Indien. Etwa ein halbes Jahr verbringt die Familie im Chikoohouse, ein kleines von Freunden geführtes Ferienresort im Norden von Goa. „Wir haben in einem Maharadscha-Zelt gewohnt und sind wunderbaren Menschen begegnet“, schwärmt er heute noch von der Zeit im Chikoohouse. „Ich tankte Kraft und lernte, wieder an mich selbst zu glauben.“

Wieder daheim in Bregenz, plant er einen Neuanfang. Kurze Zeit später eröffnet er in diesen Geschäftsräumen im Schoeller-Areal „Kipping Orthopädie Schuhtechnik“. In Australien, Japan und Deutschland erlernte neue Techniken im Orthopädiebereich setzt Frank um, indem er mittels einer selbst entwickelten modernen elektronischen Vermessungsanlage mit spezieller Software maßgefertigte orthopädische Schuheinlagen produziert. „Ich habe einen wunderschönen Beruf“, resümiert er. „Ich kann Menschen zu schmerzfreiem besseren Gehen verhelfen. Dafür bin ich dankbar.“ Sein Geschäft ist jedoch „nur“ von Montag bis Freitag geöffnet: „Das Wochenende gehört Nathon und Leyla.“ Nicht ausschließlich, räumt er ein. Ein bisschen Zeit widmet er auch seiner Leidenschaft für Young- und Oldtimer-Autos.

Wünsche? „Wünsche hat man viele“, antwortet er. „Gesund und glücklich alt werden können, wie wohl jeder. Zudem hätte ich irgendwann einmal gerne ein Haus am See, wo mich meine Kinder und Enkelkinder besuchen werden.“