Geboren zwischen zwei Kriegen

Auch wenn Georg Böhler seine Frau sehr vermisst, ist er mit seinem Leben zufrieden.
BREGENZ Es gibt Momente im Leben, da bleibt die Welt einen Augenblick stehen, und wenn sie sich weiterdreht, ist nichts mehr, wie es war. Georg Böhler hat dieses Zitat, das auf dem Sterbebild von seiner Ehefrau Inge steht, zu seinem Leitsatz gemacht. Vier Monate ist es her, dass die Inge gegangen ist. Einfach eingeschlafen ist sie und nicht mehr aufgewacht. „Wir waren 62 Jahre verheiratet“, sagt Georg Böhler, den alle Schorsch nennen. „Wie ich ihren Tod verkraftet habe? Noch gar nicht.“

Er setzt sich an den Tisch, gießt Wasser aus einer Karaffe in Gläser, verschränkt die Arme, schließt die Augen und lässt seine neun Lebensjahrzehnte Revue passieren.
Zu jung, um zu verstehen
Er wird am 30. März 1932 in eine Welt hineingeboren, die sich vom ersten Weltkrieg noch nicht erholt hat. Im Alter von vier Jahren verliert er seinen Vater aufgrund der Folgen von Kriegsverletzungen. So wächst Schorsch mit seiner drei Jahre älteren Schwester Annelies und der alleinerziehenden Mutter im Elternhaus in Bregenz auf. Die Mutter führt im Erdgeschoss einen Lebensmittelladen.
Schorsch ist gerade eingeschult worden, als der Zweite Weltkrieg beginnt. „Ich war allerdings zu jung, um den Krieg verstehen zu können.“ Die Einschränkungen im Alltag habe er damals als normal empfunden. Kurz vor Kriegsende, Schorsch ist 13-jähriger Hauptschüler und Hitlerjunge, glaubt er noch an den Sieg des Deutschen Reichs: „Ich wurde eines Besseren belehrt, als die französischen Besatzer ins Land zogen.“

Mit 15 fängt er in Mutters Geschäft eine Lehre zum Lebensmittelkaufmann an: „Die Mama war eine strenge, aber gute Lehrmeisterin.“ Nach dem Lehrabschluss führt er den Laden weiter. Die Verbreitung der Supermärkte zwingt ihn Ende 1963, das Geschäft aufzugeben. Er wird Textilvertreter, vier Jahre für die Firma Elastisana, dann 26 Jahre, bis zur Pensionierung, für Benger.
„Ich möchte wie die Inge einfach einschlafen und drüben aufwachen. Bei ihr.“
Inge ist ihm im Sommer 1958 begegnet. Schorsch, Mitglied des Bregenzer Männerchors, sitzt in einem Nachtsonderzug, der die Chöre aus der Bodenseeregion nach Wien zum Österreichischen Sängerbundesfest transportiert. Irgendwo zwischen Wels und Linz spaziert der etwas angeheiterte junge Mann durch den Waggon und öffnet die Tür zu einem Abteil, in dem sechs Chorsängerinnen aus Dornbirn reisen. „Eine von ihnen war Inge“, erzählt Schorsch. „Wir redeten ein bisschen, mehr nicht.“ Er trifft sie erneut vier Tage später bei der Heimfahrt im gleichen Zug. „Wir machten uns ein Treffen aus.“ So kommt eines zum anderen. Die Hochzeit ist am 19. Jänner 1962. Im gleichen Jahr kommt Tochter Angelika zur Welt, 1963 folgt Gerhard, 1964 Heinz.
Am 21. März dieses Jahres feiert die Familie Böhler Inges 90. Geburtstag. Am 24. März stirbt sie. Ruhig, friedlich. Mit der Leere, die Inge in ihm hinterlassen hat, kommt Schorsch noch nicht klar: „Ich rede viel mit ihr. Sie ist da. Bei mir. Irgendwie.“

Er selber erleidet Anfang Dezember letzten Jahres einen Leistenbruch. Von der Operation erholt er sich gut. Doch kurze Zeit später stürzt er in der Wohnung und zieht sich eine Lendenwirbelfraktur zu. Es folgt ein längerer Spitalsaufenthalt mit anschließender Reha. „So weit geht es mir wieder recht gut“, betont er und erwähnt beiläufig, er habe schon vor 17 Jahren einen schweren Herzinfarkt überlebt, „und das war schlimmer“.
Mitglied beim Computerclub
Den Alltag bewältigt der 91-jährige Witwer mit Unterstützung vom Mobilen Hilfsdienst und von seiner Tochter Angelika, die in der Etage über ihm wohnt. „Auch meine Söhne schauen gut auf mich“, sagt Schorsch. Und da sind auch noch die drei Enkelkinder, die ihn oft besuchen, und eine Urenkelin hat er auch schon.

Langeweile kennt der Senior nicht. Als Computer- und Smartphone-Benutzer ist er Mitglied beim Allgemeinen Computer Club Vorarlberg (ACCV). Dass er dort mit Abstand der Älteste ist, macht ihn stolz: „Das hält meinen Geist fit.“
Einsatz für Tiere
Lautes Miauen. Schnurri, der elfjährige Tigerkater, prescht herein und fordert eindringlich Streicheleinheiten. „Wir beide haben eine innige Beziehung“, sagt Schorsch, der übrigens durch seinen besonderen Einsatz für Tiere Bekanntheit erlangt hat. 1990 wurde er Obmann des Bregenzer Tierschutzvereins. 2021 gab er – nach 30 Jahren – das Amt ab: „Jetzt bin ich Ehrenobmann auf Lebenszeit.“

Angst vor dem Sterben hat er keine: „Ich möchte wie die Inge einfach einschlafen und drüben aufwachen. Bei ihr.“ Aber ein paar Jahre möchte er schon noch im Kreis seiner Familie leben. Möglichst gesund. „Ich weiß“, sagt er, „das ist ein frommer Wunsch.“