Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ich hätte es gern warm und sonnig bitte

Vorarlberg / 19.10.2021 • 10:00 Uhr

Liebe Grüße aus dem Railjet auf dem Weg ins Ländle. Ich bin in Wien am Bahnhof Meidling zugestiegen und wie jedes einzelne Mal habe ich mich mit Wehmut an den Wiener Westbahnhof zurückerinnert. Der Bahnhof Meidling ist wahrscheinlich der traurigste Bahnhof Österreichs. Auf jeden Fall einer, der diesen Titel nicht verdient; eigentlich sind es nur ein paar Gleise zwischen zugigen Bahnsteigen, mit elektronischen Anzeigen, ein paar kalten Eisenbänken und einigen traurigen Snackautomaten.

„Alles ist schmucklos und grau, Beton, Glas, kalte Fliesen, oben mehr Beton.“

Unten, in der Unterführung, durch die man von der U-Bahn zu den Gleisen kommt, gibt es eine Bäckerei und eine Trafik, sonst nichts, früher gab es auch noch einen Hendl-Brater, da ist jetzt Baustelle. Alles ist schmucklos und grau, Beton, Glas, kalte Fliesen, oben mehr Beton. Man sieht automatisch traurig aus, wenn man auf diesen Bahnsteigen auf den Zug wartet. Das einzig Charmante am Bahnhof Meidling ist der Blick auf den Meidlinger Friedhof, an den er grenzt, und dass man sowas über den zweitwichtigsten Bahnhof einer europäischen Metropole sagen muss, ist nun wirklich traurig. Ich bin unlängst mit dem Zug von Meidling nach Frankfurt gefahren: Das ist ein Bahnhof, der seinen Namen verdient, ein Ort, an dem man gerne ankommt, in der wunderschönen, riesigen Glashalle, durch die Sonnenlicht auf die Reisenden flutet, mit vielen Imbissständen und Läden, voller Leben. In Meidling ankommen dagegen: trostlos. Von Meidling will man nur weg.

Zum Glück fuhr der Zug pünktlich ein, ich fand meinen reservierten Platz, aber leider befand er sich an einem Tisch, was ich sowieso nicht so gern habe, und ein Mann saß gegenüber, offenbar schon länger, denn er hatte seine Schuhe ausgezogen und seine Füße auf meinen Sitz gelegt. Ich fand zum Glück einen anderen ohne Füße, und jetzt sitze ich hier gemütlich, arbeite, und wenn ich damit fertig bin, werde ich mir eine neue Folge der liebenswerten, warmherzigen Serie „Ted Lasso“ anschauen. Sie handelt von einem amerikanischen Football-Trainer, der in England einen Fußball-Club übernimmt. Großartig. Ich will freundliche, weiche, liebevolle Sachen um mich, so warm, golden und sonnig, wie der Herbst, der vor dem Zugfenster vorbeizieht. Die wunderschöne gemeinsame Mundart-Platte der jungen Schweizer Musiker Sophie Hunger, Dino Brandao und Faber, die ich seit Wochen immer wieder höre („Ich liebe dich“, so heißt sie), die Musik von Mitski, die Serie „Ted Lasso“, und eigentlich will ich auch so eine Politik: warmherzig, idealistisch, menschenfreundlich, eine Politik, die das Wohlergehen aller im Fokus hat, nicht Machtgier und Profit. Danke, danke, und jetzt hello Ted Lasso.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.