Kolumne: Wie soll ich da bloß mithalten?

Endlich Frühling, und das klingt jetzt vielleicht etwas überraschend: Verschiedene Studien haben nachgewiesen, dass für Menschen, die unter Depressionen leiden, genau der Frühling die schwierigste Zeit sein kann. Nicht nur, weil sich, wie eine Studie der MedUni Wien herausfand, depressive Zustände im Winter verfestigen können: Wenn die kalte Jahreszeit einen dazu verleitet, dass man zu viel im Dunkeln hockt, wird es, wenn es wieder heller wird, schwerer, wieder in Schwung zu kommen.
Doch noch etwas macht den Frühling für depressive Menschen so schwierig: Die Natur selber, die einem das Gefühl gibt, dass man als Mensch mit dieser radikalen, prachtvollen Entfaltung einfach nicht mithalten kann.
Ich hab viele Winterwochen schreibend auf dem Land verbracht und durch mein Fenster in meinen kahlen Garten geschaut, auf eine traurige braune Wiese, auf tot wirkende Büsche, auf die trockenen Gerippe der Bäume, an denen nur der immergrüne Efeu, der sich an ihnen hochrankt, irgendwie den Eindruck von etwas Lebendigem vermittelte. Jeden Winter ist das so. Und jeden Frühling erleben wir das Wunder der Wiedergeburt der Natur. Jeden Frühling brechen aus diesem Grau und Braun die unfassbarsten Farben heraus, grünt und blüht, als wär’s ein Wettrennen, welche Pflanze schöner, bunter, spektakulärer wiedererwachen kann.
Der Mensch dagegen … Der Mensch kommt einmal spektakulär auf die Welt, er entwickelt sich ein paar sensationelle Jahre lang ganz extrem, er lernt gehen und sprechen, er wächst wie verrückt, er wird täglich klüger und vernünftiger, er bildet sich, entwickelt soziale Fähigkeiten und eignet sich verschiedene Talente an, er wird jeden Tag ein bisschen besser. Dann ist er erwachsen und bleibt es lange Zeit, erreicht irgendwann einen körperlichen und geistigen Höhepunkt. Und von da an geht es wieder bergab, mal langsamer, mal schneller. Und anders als die Natur regeneriert der Mensch sich leider nicht jedes Jahr im Frühling wie von selbst.
Und genau das kann einem zu schaffen machen, besonders, wenn der Winter einen ins Loch geworfen hat und man im Frühling zwar wieder Antrieb hat, aber, wie diese Studie der MedUni Wien feststellte, die Stimmung diesem Antrieb nicht folgen kann, jedenfalls nicht in dem Tempo, das die Natur vorgibt.
Und wie so oft finde ich: Es tut schon gut, wenn man das weiß. Manchmal reicht es schon, zu wissen, wie der Mensch als solcher funktioniert und dass er nur begrenzte Fähigkeiten hat. Und dass es nicht an der Schwäche des Individuums liegt, wenn einmal was nicht so toll klappt oder sich nicht so gut anfühlt – auch wenn man meint, es sollte.
Trotzdem, der Frühling: schon herrlich, einfach so als solcher.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.