“Vorarlberg hat mehr getestet als die Südkoreaner”

Vorarlberg / 01.04.2020 • 22:25 Uhr
"Vorarlberg hat mehr getestet als die Südkoreaner"
Landeshauptmann Markus Wallner gab den VN ein ausführliches Interview zur aktuellen Lage in der Coronakrise (hier auf einem Archivbild) VN/LERCH

LH Markus Wallner im großen VN-Interview: Arbeitslosenzahlen “Schlag in die Magengrube”. 12.000 Masken werden täglich genäht.

Bregenz Es sei die schwerste Krise in Vorarlberg nach dem Krieg, sagt Landeshauptmann Markus Wallner (52) im VN-Interview und gibt einen Ausblick darauf, was die kommenden Wochen bringen könnten.

Herr Landeshauptmann, diese Arbeitsmarktzahlen kommen bereits nach zwei Wochen Shutdown. Wie geht es Ihnen damit?

Wallner: Ein Schlag in die Magengrube, ein absoluter Höchststand. Eine zusätzliche Zahl zeigt aber auch, dass es da und dort einen Hoffnungsschimmer gibt: Die Wiedereinstellungszusagen machen Mut.

Was bringt der schnelle Wechsel von positiv zu negativ mit sich?

Von einer absoluten Hochkonjunkturphase stehen wir jetzt hier. Ich habe selbst vor wenigen Wochen, zum Jahreswechsel noch vom Ziel der Vollbeschäftigung gesprochen …

Das nächste Problem wird ein schwerer Einbruch der Steuereinnahmen. Das beginnt mit einer sehr schwierigen Lage am Arbeitsmarkt, wird mit rückläufigen Steuereinnahmen weitergehen. Wir wissen noch nicht in welchem Ausmaß.

Müssen da budgetierte Projekte gestoppt werden?

Klar ist: Wir haben all unsere Budgets auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene auf Basis von Hochkonjunkturzahlen gemacht. Jetzt aber stecken wir mitten in der Krisenbekämpfung, der Höhepunkt, der Peak, ist noch nicht absehbar. Wir müssen nun mit jedem Tag, jeder Woche zunehmend um Akzeptanz der Maßnahmen bei der Bevölkerung werben. Die jetzige Phase ist sehr kritisch.

Wie lang müssen wir im Stillstand ausharren?

Der Monat April wird entscheidend werden. Einerseits die Frage, ob die Spitalskapazitäten wirklich der Belastung standhalten, andererseits bricht der Arbeitsmarkt ein. Ich selbst kenne keine Kriegszeiten, weil ich zu jung bin, aber das ist die schwerste Krise nach dem Krieg.

Es wurde ja Ostern als Zeitpunkt genannt, nach dem sich Dinge ändern könnten.

Wir arbeiten daran, dass wir alle nach Ostern, mit Masken ausgestattet, wieder einige Dinge mehr tun können. Aber das wird schwierig und es wird nicht alles gleichzeitig aufsperren. Die Maskenpflicht im Lebensmittelhandel ist ein Test, könnte auf weitere Bereiche ausgedehnt werden. Die Masken werden einige Zeit unsere Begleiter. Mir sind zum Beispiel heute bei einem kurzen Rundgang in Bregenz bereits viele Menschen mit Maske begegnet.

Es gibt derzeit aber praktisch nirgends Masken zu kaufen.

Es wird besser, wir haben große Bestellungen draußen. Der Bestand in den Spitälern ist vorhanden. Wir versuchen, die Eigenproduktion aufzubauen. In Kürze werden auch Privatpersonen Masken bestellen können, zu Paketen von 40 Masken beispielsweise. Über 300 Näherinnen sind derzeit an Vorarlberger Masken dran und könnten täglich 40.000 Stück produzieren. Aktuell sind wir bei 12.000 Masken täglich. Unter www.schutzmasken-vorarlberg.at kann man sich schon einen Überblick über die Produkte verschaffen. Mich stimmt zuversichtlich, dass sich in dieser Krise die Vorarlberger selbst helfen. Wir erwarten aber auch Großlieferungen des Bundes und möchten die Bevölkerung großflächig ausstatten.

Noch einmal zurück: Wann könnte es wieder mehr Freiheit geben?

Mehr Freiheit geht nur dann, wenn wir einen weiteren Rückgang der Infektionszuwachsraten haben.

Was hätte Priorität bei der Rückkehr zum normalen Leben?

Schulen und Universitäten stehen derzeit nicht zur Diskussion. E-Learning-Methoden sind eine Innovation für den Unterrichtsapparat, Unterrichtsminister Faßmann reagiert hier sehr klug. Das kann ich bei meinen Töchtern beim Studium und meinem Sohn in der Mittelschule täglich beobachten. 

Wir müssen weiterhin darauf achten, dass keine größeren Versammlungen passieren. Das Versammlungsverbot wird wohl weiter bleiben. Wohlwissend, dass das für die Kultur, für die Veranstalter weiterhin schwierig bleiben wird.

Irgendwann werden wir weitere Geschäfte öffnen können, wenn wir ein Absinken der Zuwachsrate sehen, wenn die deutlich einstellig wird.

Da sind wir derzeit in Vorarlberg.

Ja, und wir hoffen, dass dies keine Momentaufnahme ist. Die Handelsgeschäfte werden vermutlich als erste zurückkommen, das ist auch in den Arbeitslosenzahlen klar sichtbar. Das hängt aber von der Disziplin in der Bevölkerung ab.

Wann werden die Quarantänegebiete überdacht?

Wir haben die Testergebnisse noch nicht, die bekommen wir vermutlich am späteren Donnerstagnachmittag. Ich kann da leider keine übertriebenen Hoffnungen machen.

Ist es denkunmöglich, alle Vorarlberger auf Covid zu testen?

Das wäre ein Durchbruch, klar. In Prozent zur Bevölkerung haben wir zwischenzeitlich mehr getestet als die Südkoreaner, es gibt aber immer noch Materialengpässe bei den Tests. Die Qualität der Schnelltests wird ausschlaggebend sein. Dann könnten wir nicht nur die Spitze des Eisbergs testen.

Wie viele der Vorarlberger Infektionen gehen auf Ischgl, auf Après-Ski zurück?

Ich kann mich erinnern, als wir am Anfang sagten: Die Rückkehrer aus Ischgl mögen sich in Quarantäne begeben und bei uns melden. Und wir waren am nächsten Tag überrascht, dass das Telefon durchgängig geklingelt hat. Ischgl war für Vorarlberg ein Ansteckungsherd. Quer durch alle Fälle waren Skifahrrückkehrer ein permanentes Thema. An den Zahlen sieht man, dass die Skifahrerrückkehrthematik uns hat hochschnellen lassen. Das würde auch aufgrund der durchschnittlich jüngeren Skifahrer auch erklären, warum bislang weniger auf der Intensivstation waren.

Unterstützen Sie eine Untersuchung der Vorgänge in Tirol?

Ich glaube, dass das Thema Ischgl nicht vom Tisch ist. In Tirol laufen große Diskussionen, es gibt entsprechende Vorwürfe in Richtung der Behörden. Das wird einer Aufarbeitung bedürfen.