Wahre “Gaumenkitzler”

Spezial / 04.05.2016 • 19:46 Uhr
Die Schwestern Isabel, Vanessa und Sarah aus Schruns haben 2011 die „Guerilla Bakery“ gegründet.  Foto: Wirl
Die Schwestern Isabel, Vanessa und Sarah aus Schruns haben 2011 die „Guerilla Bakery“ gegründet. Foto: Wirl

Die „Guerilla Bakery“ stellt am Samstag ihr erstes Back-Buch in Dornbirn vor.

SCHRUNS. Menschen mit Tupperware-Boxen bewaffnet stürmen die Wohnung der 29-jährigen Schrunserin Sarah Scharl in Wien. Ihre beiden Schwestern Isabel (41) und Vanessa (33) sehen dabei zu. Die Menschenmasse hat es auf die Kuchen, Muffins und Törtchen abgesehen, die die Geschwister vorbereitet haben. Der Kauf muss schnell gehen. Die „Guerilla Bakery“ ist schließlich ein Pop-Up-Lokal. Solche Lokale haben nur für kurze Zeit geöffnet. Nach zwei Stunden ist alles vorbei. Die Schwestern sind wieder ausverkauft.

Bei Oma gelernt

Als Kinder von Gastwirten konnten sich die Scharl-Schwestern früher nie vorstellen, selbst einmal in der Gastronomie zu arbeiten. Im Wirtshaus „Hochjoch“ in Schruns im Montafon wuchsen Sarah, Isabel und Vanessa miteinander auf. Von den beiden Großmüttern lernten die Frauen das Kochen und Backen. „Für uns war die Küche einfach der schönste Ort im Haus“, erzählt die jüngste Schwester Sarah.

Nacheinander zogen die Schrunserinnen nach Wien, um zu studieren. Isabel und Vanessa wurden Journalistinnen und Sarah Schauspielerin. In Wien leben sie alle unter einem Dach in verschiedenen Wohnungen. „Das ist eine Traumsituation. Wenn wir gestritten haben, können wir einfach die Tür hinter uns zumachen“, sagt Sarah. „Wir können aber auch spontane Treffen ausmachen.“ Vor allem zum Backen trafen sich die Schwestern oft und luden ihre Freunde regelmäßig auf Kaffee und Kuchen ein.

Wiens geheimstes Kaffeehaus

Sarah erzählt: „Wir haben anfangs nur für unsere Familie und Freunde gebacken. Eines Tages haben Kollegen von mir gemeint, wir sollten unsere Kuchen doch verkaufen.“ Daraufhin überlegten die Schwestern, wie sie dieses Vorhaben verwirklichen könnten. Sarah erklärte sich schließlich bereit, ihre Wohnung für jeweils zwei Stunden am Sonntag in ein Kaffeehaus umzuwandeln. „Ich wollte mich nicht auf den Markt stellen und Kuchen verkaufen. Ich wollte, dass die Leute von sich aus zu uns kommen.“ Die Idee zu einem Pop-Up-Lokal war geboren.

Die jungen Frauen brauchten auch nicht lange, sich einen Namen zu überlegen, und nannten ihr Unternehmen „Guerilla Bakery – Fuck the Backmischung“. „Wir haben den Namen gewählt, weil wir Backmischungen nicht ausstehen können. Das Schlimmste, was es gibt, sind Palatschinken aus der Tube“, meint Sarah. Zu Beginn, im Herbst 2011, wussten nur Insider von dem geheimen Kaffeehaus. Mit der Zeit standen die Leute bis ins Stiegenhaus Schlange. Später wurden die Schwestern auch von Geschäften beauftragt, in deren Räumlichkeiten Kuchen zu servieren. Somit tauchte die Guerilla Bakery bis zu viermal im Jahr in verschiedenen Lokalitäten in Wien auf.

Die drei Schwestern waren bei ihren Events zunächst nur maskiert anzutreffen. „Wir dachten, das passt gut zu ‚Guerilla‘. Außerdem wussten wir nicht wirklich, ob unsere Aktion legal war“, sagt Sarah. „Wir haben daraufhin einen Koch- und Backverein gegründet, der es uns ermöglichte, Kuchen weiterhin legal zu verkaufen.“

Sesshaft geworden

Im Dezember 2015 erfüllten sich die Schwestern einen lang ersehnten Traum: In der Wiener Favoritenstraße eröffneten sie ihr eigenes Kaffeehaus. Nun sind sie nicht mehr von anderen Lokalen abhängig und haben auch länger als zwei Stunden geöffnet.

Im April dieses Jahres haben Sarah, Isabel und Vanessa ihr erstes Back-Buch mit dem Titel „Zuckerorgasmus“ veröffentlicht. Mit der Veröffentlichung nehmen die Schwestern auch die Masken ab und treten in die Öffentlichkeit. Ein Jahr lang haben sie an ihrem Werk gearbeitet. Food-Magazine aus Amerika dienten ihnen als Inspiration. Alle Fotos wurden ohne Food-Stylisten gemacht. Die Rezepte sind größtenteils Eigenkreationen oder neu interpretierte Ideen von Oma und Mama. „Es ist kein klassisches Back-Buch. Wir wollten, dass es aus den Regalen heraussticht“, erklärt Sarah. „Jede einzelne Seite komplett anders gestaltet. Jede Seite ist eine Überraschung.“ Der Name ist eine Anspielung auf die Befriedigung, die nach dem Konsum von Süßigkeiten eintritt.

Als Familienunternehmen ist es nicht immer einfach für die Scharl-Schwestern. „Wir verfolgen aber alle das gleiche Ziel: Wir wollen die Guerilla Bakery noch weiter voranbringen“, sagt Sarah. „Ich träume von einer Back-Show im Fernsehen.“

Die Schwestern Isabel, Vanessa und Sarah aus Schruns haben 2011 die
Die Schwestern Isabel, Vanessa und Sarah aus Schruns haben 2011 die “Guerilla Bakery” gegründet. Foto: Wirl