“Das Land hat seine Stärke gezeigt”

Niemals dürfe Sicherheit auf die Reservebank, meint Schwärzler zehn Jahre danach.
Bregenz. Als Sicherheitslandesrat stand Erich Schwärzler gemeinsam mit dem damaligen Landeshauptmann Herbert Sausgruber (69) auf der Kommandobrücke. Die Hochwasserkatastrophe verlangte beiden alles ab. Im VN-Interview schildert Schwärzler die Dramatik jener Tage. Viele Erlebnisse haben sich unauslöschlich in seine Erinnerung eingegraben. Auf die Art und Weise, wie Vorarlberg die Katastrophe bewältigt hat, ist Schwärzler noch heute stolz.
Was geht Ihnen zehn Jahre nach der Hochwasserkatastrophe in weiten Teilen Vorarlbergs durch den Kopf?
Schwärzler: Ich sehe Bilder vor mir von verzweifelten Menschen, die vor dem Nichts standen, deren Häuser im Wasser standen. Ich sehe aber auch Bilder von Dankbarkeit vor mir. Von Menschen, die in diesen schweren Stunden von anderen Menschen Unterstützung erfuhren.
Wie haben Sie Anbahnung und Entwicklung der Katastrophe damals miterlebt?
Schwärzler: Ich weiß noch genau, wie ich am Montag nach der Regierungsbesprechung zum Fenster hinaussah und diese schweren Regenfälle registrierte. Ich besprach mich dann mit den maßgeblilchen Leuten. Wir wussten: Es kommt noch eine schwere Regenfront. Beim Nachhausefahren nach Lingenau beobachtete ich Bregenzerach und Subersach. Gegen 20 Uhr schon hatte ich Kontakt mit Feuerwehren. Ich habe in dieser Nacht kaum geschlafen, bin um fünf Uhr früh aufgestanden. Das Ausmaß der Katastrophe begann sich abzuzeichnen. Ich kam nicht mehr nach Bezau hinein, nach Schoppernau ging’s nur noch übers Großwalsertal.
Gab’s eine konkrete Begebenheit, die bei Ihnen besonders stark haften blieb?
Schwärzler: Tief berührt hat mich der Tod des Bizauers, den ich gekannt habe. Aber auch Begegnungen mit mehreren Familien. Man musste vielen Menschen die Hand reichen und ihnen sagen: Kopf hoch, das Leben geht weiter.
Welche Handlungsrichtlinien galten bei Ihnen im Umgang mit der Katastrophe?
Schwärzler: Da möchte ich zuerst den damaligen Landeshauptmann Sausgruber erwähnen. Der hat das als oberster Chef sensationell gemanagt. Für uns galt damals: Zuerst kommt der Mensch und seine Sicherheit, danach die sofortige Errichtung der für die Einsätze notwendigen Infrastruktur und als Drittes der optimale Einsatz der uns zur Verfügung stehenden Baufahrzeuge. Man muss sich ja vorstellen: Es waren 64 Gemeinden mit 2542 Einzelfällen betroffen. Man musste Prioritäten setzen. Aber das Land hat seine Stärke gezeigt.
Wurden im Rückblick gesehen trotzdem auch Fehler gemacht?
Schwärzler: Das Einzige, was ich dazu aus heutiger Sicht zu dieser Frage sagen kann, ist: Wir hätten vielleicht früher Bundesheereinheiten aus anderen Bundesländern anfordern sollen. Aber sonst kann ich nur einmal mehr feststellen: Es haben alle damals Großartiges geleistet. Das Land ist zusammengerückt, die Solidarität war unglaublich.
Was haben Sie aus dem Katastrophentagen von 2005 gelernt?
Schwärzler: Ich habe gelernt, wie wichtig Eigenverantwortung ist. Ebenso, wie wichtig das Delegieren der Aufgaben auf kompetente Leute ist. Mir wurde darüberhinaus klar, dass trotz Eigenverantwortung im Katastrophenfall weniger die Einzelkämpfer gefragt sind, sondern das Team. Und was bei mir menschlich hängen geblieben ist: In derartigen Schicksalstagen geht es nicht nur um materielle Unterstützung, sondern vor allem um menschliche Zuwendung. Die Leidtragenden müssen spüren, dass sie nicht allein gelassen werden.
Inwieweit muss man vor der Macht der Natur nicht einfach kapitulieren?
Schwärzler: Man darf nicht einfach resignieren und sich in Fatalismus üben. Du musst in guten Zeiten in Sicherheit investieren, sodass diese bei Naturereignissen gewährleistet ist. Genau das haben wir auch in den letzten Jahren gemacht. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es trotzdem nicht. Aber das Thema Sicherheit darf niemals auf die Reservebank verbannt werden.
Wie viel wurden in Vorarlberg seit der Katastrophe 2005 in die Sicherheit der Flüsse und Wildbäche investiert?
Schwärzler: 100 Millionen wurden in die Lawinen- und Wildbachverbauung investiert, 180 Millionen Euro in Maßnahmen der Wasserwirtschaft. Wir dürfen zudem heute mit Fug und Recht sagen: Alle Sicherheitsprojekte haben bisher gehalten. Die Investitionen haben sich – bisher zumindest – bezahlt gemacht.
Vorarlberg ist heute also sicherer als es vor zehn Jahren war?
Schwärzler: Das kann man definitiv so sagen.