Ein Leben mit der „Todesleu“

Bernadette Türtscher musste in Blons hilflos miterleben, wie ihre zwei Kinder starben.
Blons. Bernadette Türtscher ist für ihre bald 89 Jahre erstaunlich rüstig. Bei klarem Verstand, hellwach und liebenswürdig. Der Herrgott hat der religiösen Frau zwei Leben geschenkt. Eines bis zur Lawine vor 60 Jahren, das in der Tragödie endete. Und ein zweites, ein glückliches, danach. „Meine Zeitrechnung beginnt mit der Leu von 1954“, sagt Frau Türtscher. Allein der Gedanke daran lässt sie um den Mund herum leicht zittern und die Augen feucht werden.
Das Schlimmste
Bernadette Türtscher hat heute vor exakt 60 Jahren das Schlimmste erlebt, was eine Mutter erleben kann. Sie musste hilflos aus nächster Nähe miterleben, wie ihre kleinen Kinder starben. Die Erinnerung an diese Stunden haben ihre Unmittelbarkeit nie verloren. „Ich schlaf’ derzeit wieder schlecht“, sagt sie leise. „Weil es sich zum 60. Mal jährt und mir der Fuß weh tut. Das ist die Verletzung von damals. Und wenn ich dann so allein mit mir selbst bin in der Nacht, dann quält es mich wieder.“
Trügerische Heimeligkeit
Damals. Es schneite und schneite. Die Bewohner des letzten Hauses der Siedlung unterhalb der Hügga-Alp konnten bald nicht mehr zum Fenster hinaussehen. Der feine Schnee drang sogar durch den Kamin und blieb auf dem Herd liegen. Immer wieder musste man kleine Mengen wegschaffen. Bei den Türtschers hielt sich in dieser Nacht auch Nachbar Gustav Jenni auf. Er hatte das Vieh in seinem Stall versorgt und ging nicht mehr zurück in sein Haus. Bei den Türtschers wurde gejasst, während draußen die Welt im Schnee versank. Angst? „Nein, das hatten wir nicht.“ Die kleinen Buben von Bernadette Türtscher, Edwin (drei Jahre) und Armin (eineinhalb Jahre) wiegten sich wie alle anderen in Geborgenheit, der Kachelofen spendete heimelige Wärme.
Dann, um zwei Uhr in der Nacht auf Montag fiel der Strom aus. Noch kein Grund zur Beunruhigung. Es gab Kerzen – und warm blieb es ja auch. Vater Benedikt begab sich gegen 5 Uhr in den Stall. Er konnte aufgrund der Schneemengen danach nicht zur Arbeit, blieb zu Hause.
Totale Hilflosigkeit
„Ich selber musste nicht pressieren. Weil ja der Mann daheim blieb. Ich hab uns allen das Frühstück zubereitet“, schildert Bernadette Türtscher. Niemand ahnte, was die Elemente am Falvkopf zusammenbrauten. Bis das Unglück gegen zehn Uhr da war. „Ein Tosen und Rauschen und dann der Knall. Alles Chaos.“ Bernadette Türtscher hält den Kopf in Händen. Mit zitternder Stimme erzählt sie von den schrecklichsten Stunden ihres Leben. „Den Kleinen hab‘ ich nie mehr gesehen. Aber da war Edwin. Hilflos am Rücken liegend mit dem Ofengitter um seinen kleinen Körper. Ich sah und hörte ihn. Tun konnte ich nichts. Ich war mit dem linken Fuß eingeklemmt unter einem Balken. Ich konnte mich nicht bewegen. Edwin hat geredet. ‚S‘ Hafili mus i jetzt ha‘, war das Letzte, was er sagte. Dann kam nur noch ein Röcheln, bis es plötzlich ganz still war.“
„Wir fangen nochmal an“
Den kleinen Armin sah die Mutter nicht mehr. „Er wurde gleich erschlagen, musste nicht leiden. Aber Edwin. Was hat dieser Bub durchmachen müssen.“ Bernadette Türtscher hält inne, Hände zusammengepresst, überwältigt von den Erinnerungen, die ihren Schrecken nie verloren haben. Sie selber wurde 30 Stunden nach der Lawine gerettet. Ihr Mann Benedikt lebte noch. Er hatte sich selber befreien können und danach im Dorf Hilfe geholt.
„Ich wollte nicht mehr leben. Ich war damals wieder schwanger und verlor auch dieses Kind. Aber Benedikt, der im Krieg war und vieles durchgemacht hatte, sagte: ‚Bernadette, wir sind noch jung. Wir fangen noch einmal an.‘“ So begann für Bernadette Türtscher das zweite, das gute Leben. Mit fünf weiteren gesunden Kindern. Für dieses Leben ist sie dem Herrgott dankbar. Und überzeugt davon, dass dieser für Edwin und Armin im Himmel einen festen Platz hat.








Chronologie
Sonntag, 10. Jänner: In Fontanella begräbt eine Lawine die Brüder Siegfried und Erich Stark unter sich. Sie können nur mehr tot geborgen werden.
Montag, 11. Jänner: Gegen 6 Uhr morgens geht die Lochbrunnenlawine auf Sonntag nieder. Es gibt sechs Tote. Um 7.25 Uhr reißt die Stelliberglawine 8 Menschen in Fontanella/Mittelberg in den Tod. Gegen 10.05 Uhr gehen zeitgleich die Stutzlawine und die Falvkopflawine oberhalb von Blons ab. Erstere kostet eine Person das Leben. Die Falvkopflawine verschüttet gleich 82 Personen in 16 Häusern. 34 Menschen sterben. Um 19 Uhr tötet die Mont-Calv-Lawine 22 Personen in Blons, insgesamt werden 43 Personen verschüttet. In Hittisau im Bregenzerwald tötet eine Staublawine die ganze Familie Lipburger. Kurz vor Mitternacht reißt eine Lawine in Bartholomäberg 14 Menschen in den Tod.
Dienstag, 12. Jänner: Um 0.26 Uhr zerstört eine Lawine den Bahnhof von Dalaas und fegt einen ganzen Zug weg. 10 Menschen im Warteraum des Bahnhofs lassen ihr Leben.
Mittwoch, 13. Jänner: Eine groß angelegte Hilfsaktion läuft morgens an. Zuvor hatte der Bezirkshauptmann von Bludenz, Hofrat Julius Längle, im Rundfunk einen Hilferuf abgesetzt. Rund 2000 Helfer aus dem In-und Ausland beteiligen sich an der Aktion. Schweizerische und US-amerikanische Hubschrauber kommen unterstützend zum Einsatz – sie liefern Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter.