Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Die Narben sind brüchig

Spezial / 10.01.2014 • 19:13 Uhr

Stoisch und ungerührt kauern sie über Blons: Montcalv und Falvkopf, Einladung und Mahnung, Reiz und Drohung, ein paar schroffe Flanken, dichtes Unterholz, eine Staalsiedlung aus Schneebrücken, knackige Wälder, stolze Walser Höfe, zeitlos eingegossen ins Steile – zwei harmlose Bergrücken eigentlich, die gar nicht aussehen, als könnten sie eine Unglückschronik schreiben, einen Totentanz, der einst um die ganze Welt ging.

60 Jahre, ein Menschenleben, sind seither vergangen, sechzig Winter ins Land gezogen, gnädige Winter, als hätten sie noch immer ein schlechtes Gewissen – die Wunden von damals scheinen vernarbt, und doch: Sie tun noch immer weh, sagen die Leute, die Narben sind brüchig, wer sie berührt, kann es sehen. Jeder, der einmal mit den Überlebenden von damals gesprochen hat, weiß, wie dünn ihre Haut ist und wie wach ihre Bilder im Kopf. Die Dokumentation der tatsächlichen Ereignisse, die Interviews mit den Trauernden, ihre Augen, ihre Tränen erzählen eine Wahrheit, die keine Fiktion je erreichen kann.

Die erste und eindrücklichste Erinnerung aus meiner Kindheit reicht in jenes ominöse Jahr ’54 zurück. Ich werde nie vergessen, wie mich Frau Clara Türtscher, damals die beste Freundin meiner Mama, meine Tante Clara, hinter ihr Haus in Sonntag geführt hat, um mir zu zeigen, wo und wie sie, aus Platzmangel, die Toten auf dem Balkon stapeln mussten.Sie konnte gut erzählen, von Gerüchen, Geräuschen, von der Stille, die so bös sein kann.

Es war ein Wagnis, die Atmosphäre jener Zeit, die sich aus meinem eigenen Erleben und den Erzählungen meiner Verwandten und Bekannten destillieren ließ, in einen Roman bzw. einen Film zu packen, aber ich wollte alles, was sich in Hirn und Herz gebrannt hatte, in eigenen Bildern sehen.

Die Ereignisse um den 11. Jänner 1954 sind wie eine Wolke immer wieder aufgetaucht, ohne abzuregnen schließlich hat sie dann im „Atem des Himmels“ ihren Niederschlag gefunden. Im Gedenken an die Toten von damals und ihre Hinterbliebenen, aber auch in der Absicht, die grandiose Schönheit des Tals, auch sein glückliches Gesicht,auf die Leinwand zu bannen.

Das Große Walsertal war mir, wie meiner Mama, schon sehr früh eine merkwürdige Verführung, heimelig und unheimlich zugleich. In meiner Erinnerung, als kleiner Bub in den Fünfzigern, sind mir das Tal und seine Namen wie ein lockendes Geheimnis ins Herz gewachsen, und so wird es bleiben, bis alle Winter vergessen sind.

reinhold.bilgeri@vorarlbergernachrichten.at