Kunstmetropole Fort Kochi

Reise / 15.03.2020 • 10:00 Uhr
Kunstmetropole Fort Kochi
Die chinesischen Fischernetze gehören zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. SHUTTERSTOCK

Fort Kochi im südindischen Bundesstaat Kerala entwickelt sich von der Gewürzhauptstadt zur Kunstmetropole.

Fort Kochi „Hier hat Sarah immer gesessen und gestickt“, erzählt Thaha Ibrahim und deutet auf den Stuhl neben dem Fenster. Während die alte Dame Taschentücher und Deckchen bestickte, nähte Thaha mit ihrer alten Nähmaschine Kippas. Heute arbeitet er allein. Im August vergangenen Jahres ist Sarah Cohen mit 96 Jahren gestorben. Sie war die älteste der wenigen verbliebenen Paradesi-Juden. Diese Nachfahren der seit dem 16. Jahrhundert aus Europa und dem Nahen Osten eingewanderten Juden hatten sich in der Hafenstadt Cochin – heute Kochi – an der Malabar-Küste im Südwesten Indiens niedergelassen. In der Nähe des Maharadscha-Palastes fanden sie Schutz und betrieben ihre Handelsgeschäfte.

Kunstmetropole Fort Kochi

Über Jahrhunderte zog die auf einer Landzunge in einer riesigen Lagune gelegene Stadt Eroberer aus aller Welt an: Araber, Portugiesen, Holländer und Briten balgten sich um die Herrschaft, um den lukrativen Gewürzhandel unter ihre Kontrolle zu bekommen. Kochi war stets ein Schmelztiegel der Kulturen. Ein Spaziergang durch die engen Gassen mit ihren alten portugiesischen Herrenhäusern und imposanten christlichen Kirchen gleicht noch immer einer Zeitreise. Vasco da Gama lebte und starb hier, er wurde in der St. Francis-Kirche begraben, der ersten europäischen Kirche auf indischem Boden. An der Spitze der Landzunge zeugen die bis zu 30 Meter hohen hölzernen Gestelle der chinesischen Fischernetze von den Handelsbeziehungen zu China.

Friedliches Zusammenleben

„Hier leben noch heute alle Religionen friedlich zusammen“, erzählt Balagopal beim Besuch einer kleinen syrisch-orthodoxen Kirche, die eher an einen Hindutempel erinnert. Die Juden allerdings verschwinden zunehmend. Bis zur Staatsgründung Israels 1948 lebten rund 2000 von ihnen in Jew Town. Danach wanderten die meisten nach Israel aus. Jew Town gehört heute zu den beliebten Attraktionen von Fort Kochi. Ein Souvenir- und Antiquitätengeschäft reiht sich ans andere, oftmals betrieben von Muslimen aus Kaschmir. Hauptattraktion ist die alte Synagoge. „Die Synagoge müsste längst wieder restauriert werden“, sagt Karl Damschen, der dies schon einmal im Auftrag des World Monument Fund gemacht hat. Dass der deutsche Architekt seit 1995 in Kerala lebt und arbeitet, verdankt der heute 77-Jährige einer Reihe von Zufällen. Nach einigen Aufenthalten in Kerala schlug er seiner Frau Annelies vor, zunächst ein halbes Jahr in Indien zu leben. Dort beobachtete er, dass immer mehr der alten, traditionellen und kunstvoll geschnitzten Holzhäuser abgerissen wurden. Als der gelernte Schreiner entdeckte, dass sich die mit Holznägeln zusammengehaltenen Gebäude zerlegen lassen, kam ihm die Idee, einige der Häuser an der Küste wiederaufzubauen. So entstand das kleine Resort Surya Samudra Beach Garden, das zum Vorbild für viele Hotelanlagen wurde.

Die Basilika Santa Cruz ist einer der vielen schönen Bauten in der Altstadt von Fort Kochi. <span class="copyright">Shutterstock </span>
Die Basilika Santa Cruz ist einer der vielen schönen Bauten in der Altstadt von Fort Kochi. Shutterstock

Entwicklung zum Touristenziel

Ende der 1990er Jahre fragten die Besitzer der kleinen Hotelgruppe CGH Earth Damschen, ob er nicht in Fort Kochi ein Hotel für sie bauen wolle. Dort hatte man direkt am Wasser das Grundstück einer ehemaligen Bootswerft gekauft. Auf rund 8000 Quadratmetern entstand so ein zweistöckiger Gebäudekomplex mit großem Innenhof und einer offenen Lobby, der an einen alten Palast erinnert. Als das Brunton Boatyard Hotel gebaut wurde, war Fort Kochi ein verschlafener Ort mit zahlreichen, dem Verfall preisgegebenen alten Gebäuden. Heute ist der unter Denkmalschutz stehende Stadtteil mit seinen kleinen Hotels und Gästehäusern, Restaurants und Cafés ein beliebtes Touristenziel und hat sich auch in der internationalen Kunstszene einen Namen gemacht. In alten Gebäuden und Residenzen entstanden Kunstgalerien wie das Kashi Art Café und die David Hall. 2012 fand die erste Biennale statt, an der 88 Künstler aus 30 Ländern teilnahmen. Für Karl Damschen, der gerade ein altes Schulgebäude restauriert, ist Fort Kochi prädestiniert für Indiens größtes Festival zeitgenössischer Kunst. „Hier gibt es noch immer viele leerstehende, alte Lagerhäuser“, erzählt er. „Die lassen sich durch Ausstellungen und Kunstprojekte wunderbar wiederbeleben.“ Bärbel Schwertfeger (SRT)

Fort Kochi

Region Kerala

Anreise Flüge nach Kochi gibt es täglich mit Qatar Airways und Emirates.

Reisezeit Von Oktober bis April.

Biennale Die nächste Biennale findet vom 12. Dezember 2020 bis zum 10. April 2021 statt.

Reiseführer Stefan Loose „Indien – Der Süden“.

Biennale lockt Besucher nach Kochi

Die jährliche Biennale lockt viele Kunstinteressierte in den Süden Indiens. <span class="copyright">shutterstock</span>
Die jährliche Biennale lockt viele Kunstinteressierte in den Süden Indiens. shutterstock

Während 108 Tagen wird die Altstadt von Kochi (oder Cochin) jedes Jahr zum Schauplatz der internationalen Kunstszene. Die Biennale verzaubert das historische Viertel von Kochi mit unzähligen Kunstinstallationen und Kunstwerken. Die diesjährige Biennale endet am 29. März, die nächste findet vom 12. Dezember 2020 bis 10. April 2021 statt. Workshops, interaktive Kunst, Vorlesungen, Konzerte, kulinarische Erlebnisse mit Inputs aus aller Welt lassen den ehemaligen Schmelztiegel Fort Kochi wie zu seiner Blütezeit als Handelsplatz für Gewürze und andere Kulturgüter aufleben.