Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Kommentar: Vergessene Schule

Politik / 03.05.2025 • 07:15 Uhr

Im Mai 2015 hat die Pädagogische Hochschule Vorarlberg Empfehlungen für eine Gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen veröffentlicht. Die damalige Landesregierung hatte darum gebeten. Sie schien sich zu bewegen. Nicht nur auf Druck der Grünen, des seinerzeitigen Juniorpartners der ÖVP, sondern vor allem auch der Wirtschaft. Bis heute, genau zehn Jahre danach, ist jedoch nichts passiert. Da und dort mag diese Schule noch auftauchen. Im Programm der schwarz-rot-grünen Bundesregierung etwa ist sie in einem Unterpunkt enthalten. „Erleichterung von Modellregionen“, heißt es dort. Für eine solche müsste sich jedoch erst ein Land finden, das dazu bereit ist. Vorarlberg ist es nicht mehr. Die Landesregierung, die nach wie vor unter Führung von Markus Wallner (ÖVP) steht, heute aber schwarz-blau ist, hat das Interesse daran verloren.

Dabei wäre eine Gemeinsame Schule wichtiger denn je. Es ist eine Zumutung, mit der Entscheidung „AHS-Unterstufe oder Mittelschule“ schon bei Volksschulkindern eine regelrechte Lebensweg-Entscheidung zu treffen. Es ist auch zynisch, das damit zu begründen, dass der eine Neunjährige eher für einen akademischen und der andere für einen handwerklichen Beruf geeignet sei. Immerhin befinden sich beide in einem Stadium der Entwicklung, die noch für viele Überraschungen gut ist.

Mit der Entscheidung geht unsäglicher Druck für Kinder, aber auch Eltern und Lehrer einher. Diese Woche hat die Statistik Austria zudem Erhebungsergebnisse veröffentlicht, die unterstreichen, wie wichtig eine Veränderung wäre: Zum einen ist es österreichweit noch immer so, dass es aus der Mittelschule heraus nur wenige Kinder in die AHS-Oberstufe bringen. Zum anderen führt höhere Bildung zu besseren Berufsaussichten bzw. einem geringeren Armutsrisiko. Daher ist die Entscheidung mit neun, zehn eben auch eine Entscheidung über den Wohlstand, der letzten Endes mit einer größeren Wahrscheinlichkeit erzielt wird.

Noch etwas gehört hinzugefügt: Bei ihren Empfehlungen für eine Gemeinsame Schule hat die Pädagogische Hochschule einst auch betont, dass es darum gehe, den Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds der Eltern zu verringern und die Chancen der Kinder auf eine ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechende Laufbahn zu erhöhen. Das war eine Anspielung auf das Problem, dass für zu viele Buben und Mädchen die Eltern nach wie vor auch ihr Schicksal sind. Dass es in vier Jahren Volksschule bei einem desinteressierten Vater und einer desinteressierten Mutter eher unmöglich ist, zu wecken, was vielleicht in ihnen schlummert, geschweige denn, es so weit zu fördern, dass es ihnen zu einem Sprung in eine bessere Zukunft verhelfen könnte.

Insofern ist es nicht nur im Hinblick auf den Wirtschaftsstandort, der trotz oder gerade wegen aller Schwierigkeiten und Rezessionen möglichst viel hochqualifizierten Nachwuchs braucht, unverständlich, dass die Gemeinsame Schule in Vergessenheit geraten ist. Es ist auch das Gegenteil von humanistisch.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.