Die Unsichtbaren
Ein Monster im sommerlichen Wien, es ist gruselig. Heimische Boulevardmedien jagen das „Obdachlosen-Phantom“ oder den „irren Obdachlosen-Mörder“ und sogar deutsche Medien interessieren sich für den Serienmörder, der in der österreichischen Bundeshauptstadt Verbrechen an obdachlosen Menschen verübt. Drei Attentate sind es seit Juli, in zwei Fällen überleben die Opfer die Messerattacken nicht; ein Opfer wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Alle Überfallenen sind den Angriffen schutzlos ausgeliefert, in der Nacht, schlafend, alleine auf der Straße. Die Polizei sucht derzeit nach dem Täter oder den Tätern, die Stadt Wien und Hilfsorganisationen öffnen Notquartiere, um Menschen in der Nacht zu schützen.
„Wenn obdachlose Menschen nicht gerade im Zentrum einer aufsehenerregenden Mordserie stehen, sind sie den meisten egal.“
Wenn obdachlose Menschen nicht gerade im Zentrum einer aufsehenerregenden Mordserie stehen, sind sie den meisten egal. Wir kennen sie nicht, wir sehen sie nicht und diese Unsichtbarkeit macht sie schutzlos. Laut den Zahlen der Statistik Austria leben 20.000 Personen in Österreich auf der Straße, sechzig Prozent davon in Wien, doch wie groß ihre Zahl tatsächlich ist, kann niemand sagen. Verwahrlosung, körperliche Defizite, Sucht- oder psychische Erkrankungen – deswegen sind viele unsicher im Umgang mit obdachlosen Menschen: Man ruft in der Sommerhitze bei den Sozialarbeitern an, im Winter beim Caritas-Kältetelefon oder kauft jemand etwas zu essen oder ein Getränk. Aber man bleibt dabei immer auf Abstand zu einem Leben, das man sich nicht vorstellen kann.
Leben in Würde
Wenn Medienmenschen diese fremde Welt erkunden wollen und heldenhaft ein paar Tage oder gar Wochen unter Wohnungslosen an ihren Reportagen arbeiten, sind die Erkenntnisse zumeist erwartbar und oberflächlich – Kurztrips in das Leben der anderen, das man auf diese Art nicht verstehen kann. Was die Menschen auf der Straße bewegt und wie man ihnen helfen kann, das hat der kürzlich verstorbene Grazer Pfarrer und Vinziwerke-Gründer Wolfgang Pucher gewusst. Er schuf in Graz, aber auch in Wien Unterkünfte und Hilfseinrichtungen für obdachlose und arme Menschen. Orte, an denen sie in Würde leben und sterben können, ein dauerhaftes Zuhause finden. Betreut von Profis und Ehrenamtlichen.
In den Vinzidörfern dürfen die Alkoholkranken unter den wohnungslosen Menschen auch Alkohol trinken, anders als in anderen Obdachloseneinrichtungen. Pucher wollte jenen eine Heimat geben, die sich nicht mehr an die üblichen Regeln halten können. „Eine lieblose Gesellschaft kann nicht überleben“, sagte Wolfgang Pucher vor ein paar Jahren in einem Gespräch zu mir. Ein Satz, an den man vielleicht denken kann, wenn man wieder einmal einem Fremden begegnet, der auf der Straße lebt.
Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.
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