Hartnäckige Rollenbilder, Gehaltskluft: Das sagt die Gleichstellungsexpertin des Landes

Politik / 06.03.2023 • 15:30 Uhr
Kopf ist Leiterin des Bereichs Frauen und Gleichstellung im Amt der Landesregierung. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Kopf ist Leiterin des Bereichs Frauen und Gleichstellung im Amt der Landesregierung. VN/Paulitsch

Tanja Kopf unterstreicht die Bedeutung des Weltfrauentages.

Melanie Fetz, Magdalena Raos

Schwarzach Eine gerechtere Aufteilung von Familien- und Sorgearbeit wäre ein Hebel gegen die großen Gehaltsunterschiede in Vorarlberg. Das betont die Gleichstellungsbeauftragte des Landes, Tanja Kopf, im VN-Interview. Quoten hält sie für sinnvoll.  

Der Weltfrauentag wird seit rund 100 Jahren begangen. Ist das noch zeitgemäß oder eine Symbolveranstaltung?

Den Weltfrauentag gibt es seit 1911. Es braucht ihn. Feministinnen würden sagen: Es ist ein Kampftag. Ich bin da eher eine gemäßigte Feministin und würde das so beschreiben: Frauenrechte sind Menschenrechte. Und es ist ganz wichtig, darauf hinzuweisen. In unsicheren Zeiten hält man sich an Dingen fest, die man kennt. Wir wissen, dass Frauen ihre Arbeitszeit verkürzt haben, wir wissen, dass die erkämpften partnerschaftlichen Vereinbarkeiten von Beruf und Familie wieder zurückgegangen sind. Darum ist es auch sehr wichtig, veraltete Rollenbilder zu thematisieren.  Es gibt den Spruch: Wir sind traditioneller, als wir hofften. Es gilt nach wie vor, Rollenklischees aufzubrechen, sonst werden wir nichts verändern. Beim Weltfrauentag handelt es sich außerdem um einen internationalen Tag; er wird nicht nur in Vorarlberg, in Österreich begangen.

In welchen gesellschaftlichen Bereichen orten Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Gleichstellung ist eine Querschnittsmaterie. Es geht darum, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben. Um das zu erreichen, muss man mit allen Bereichen kommunizieren. Das macht das Ganze sehr komplex und anstrengend. In Vorarlberg ist die Sichtbarkeit, Gleichstellung von Frauen an sich anerkannt.  Eine Stellschraube, an der man zu drehen hat, ist die gelebte Sozialisation eines Familienbildes: Es gibt den Alleinverdiener, und allenfalls eine Zusatzverdienerin. Dabei handelt es sich um ein traditionelles Familienbild.

In Vorarlberg ist die Gehaltskluft in Österreich am allergrößten. Wo müsste man ansetzen?

Der sogenannte Equal Pay Day ist eine vereinfachte Darstellung des Fakts, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer. Wichtig ist der Vergleich ganzjährig vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Da wird nicht Äpfel mit Birnen verglichen. Warum ist Vorarlberg Schlusslicht? Die Löhne der Frauen sind im Österreich-Vergleich sehr niedrig, das Einkommen der Männer sehr hoch. Das hat mit der Grenznähe zu tun, zur Schweiz und Liechtenstein. Zudem sind Männer eher im Produktionsbereich tätig, wo mehr verdient wird, und Frauen im Dienstleistungsbereich. Außerdem haben wir eine sehr hohe Teilzeit-Quote.

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Wie könnte man das verbessern?

Es geht immer um Bewusstseins- und Sensibilisierungsarbeit, schon beim Beginn der Berufswahl. Die Mädchen sind mindestens so gut oder besser ausgebildet als die Burschen. Die Frauenerwerbsquote ist gestiegen. Die Einkommensunterschiede hängen aber damit zusammen, dass die jungen Frauen bei der Studienwahl oder den Lehrberufen immer noch in Bereiche mit weniger Einkommen tendieren. Frauen rücken auch wegen Unterbrechungen durch Kinderbetreuung oder Sorgearbeit weniger vor und hinken dadurch im Gehalt eher hinterher. Man muss auch sagen, dass nicht nur Vorarlberg einen schlechten Gender Pay Gap hat, sondern ganz Österreich. Innerhalb der EU gehört es zu den Ländern mit den größten Lohnunterschieden. Es ist ein sehr komplexes Thema. Ein Hebel wäre die gerechtere Aufteilung von Familien- und Sorgearbeit.

Müssten die Kinderbetreuungsplätze und Öffnungszeiten der Einrichtungen ausgebaut werden?

Kinderbetreuung ist ein Hebel, aber nicht DER Hebel. Eine gut ausgebaute und flexible Kinderbetreuung hilft natürlich immer, das ist keine Frage. Wir haben in Vorarlberg das neue Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz, wodurch ein Versorgungsauftrag von der Gemeinde gegeben ist. Das ist ein Paradigmenwechsel. Dass Frauen in der Teilzeit hängen bleiben, hat ein Stück weit auch mit der sogenannten Mental Load zu tun. Die Wahlfreiheit muss gegeben sein. In der Tendenz ist es aber nicht so, dass sich nur Frauen einen Teilzeitjob wünschen, sondern auch Männer. Das ist gesellschaftlich aber noch nicht enttabuisiert.

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Stichwort Altersarmut…

Armut im Alter ist weiblich. Frauen bekommen rund 40 Prozent weniger Pension als Männer in Österreich, und ein Viertel der Frauen bekommt gar keine. Die Gründe sind bekannt: Frauen haben ein eher niedrigeres Einkommen, arbeiten eher im Dienstleistungssektor und haben längere Berufsunterbrechungen. Viele junge Frauen sagen mit Recht, dass sie nicht an die Pension denken wollen. Aber es ist wichtig, das mitzudenken. Viele Ehen werden geschieden. Den Versorgungsauftrag der Ehe, den gibt es nicht mehr.  Es geht darum, dass Frauen ein existenzsicherndes Leben eigenständig führen können.

Sind die Betriebe in Vorarlberg familienfreundlich genug?

Bei der Auszeichnung „Familienfreundlicher Betrieb“ ist Vorarlberg Vorreiter. Wo es noch Nachholbedarf gibt, ist das Top-Job-Sharing. Damit ist gemeint, dass Führungspositionen geteilt werden. Die meisten Organisationen haben nach wie vor patriarchale Strukturen. Ich denke auch, dass hinsichtlich Bewerbungen von Frauen noch stereotype Bilder vorhanden sind. Vorgesetzte sorgen sich wegen familienbedingten Auszeiten. Väter müssten länger in Karenz gehen. Zwei Monate sind für mich ein Alibi. Das bringt weder dem Kind, der Frau noch dem Unternehmen was. Da ist sicher noch mehr Bereitschaft gefragt. Aber für kleine Betriebe ist das natürlich nicht so einfach.

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VN/Paulitsch

Gibt es Länder, die das besonders gut machen. Wo man sich vielleicht was abschauen könnte?

In Skandinavien haben Untersuchungen gezeigt, dass Quoten ein guter Weg sind, um Gleichstellung voranzutreiben. Ich finde dies eine gute Maßnahme. Es gibt eine Vorgabe und kein Wenn und Aber. Manchmal muss in Kauf genommen werden, dass vielleicht nicht die geeignete Frau dabei ist. Aber fragt man sich das bei Männern auch?

Nun zum Positiven: Welche Meilensteine sind bereits gelungen?

Extrem wichtig war die Familienrechtsreform 1975. Damals durften die Frauen erstmals ohne Zustimmung des Partners arbeiten gehen. Der Schwangerschaftsabbruch wurde unter bestimmten Bedingungen straffrei gestellt – die sogenannte Fristenlösung. 1989 ist die Vergewaltigung in der Ehe abgeschafft worden. 2003 gab es in Bezug auf die Gleichstellung wichtige gesetzliche Meilensteine. Die Gleichstellung der Frau kann man auch der EU mit ihren Gesetzen und im erweiterten Sinn den Vereinten Nationen verdanken. Wichtige Papiere, die von Österreich ratifiziert wurden, waren das CEDAW – das wichtigste Menschenrechtsdokument für Frauen und die Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen. Letzteres Übereinkommen hat dazu geführt, dass es seit 2019 auch in Vorarlberg eine Frauen-Beratungsstelle zu sexueller Gewalt gibt. 2019 war sicher auch die gleichgeschlechtliche Ehe ein Meilenstein.