Der ORF in Coronazeiten: “Möglichkeit, Stärken zu zeigen”

Wrabetz über Corona, Sparen und das neue ORF-Gesetz.
wien In der Coronakrise konnte sich der ORF über Traumquoten freuen. Trotzdem befindet sich das öffentlich-rechtliche Unternehmen in einer schwierigen Situation. Im VN-Interview nimmt Generaldirektor Alexander Wrabetz Stellung zum geplanten Sparprogramm und zur Causa um den gekündigten Vorarlberger ORF-Redakteur.
Kommendes Jahr sollen 75 Millionen Euro eingespart werden. Wo wird es die größten Einschnitte geben?
Wir müssen in allen Bereichen sparen. Was das Personal angeht: Viele ältere Mitarbeiter werden in den Ruhestand gehen und nicht nachbesetzt werden. Die Arbeitsproduktivität muss also steigen. Andererseits finden kommendes Jahr die Fußball-Europameisterschaft, die Olympischen Spiele und die Skiweltmeisterschaft statt. Diese Sportrechte kosten Geld, deshalb müssen wir woanders einsparen. So werden wir beispielsweise nicht mehr die gesamte Formel 1 übertragen, sondern teilen uns das mit Servus TV auf. Im Juni, wenn alles von der Fußball-EM überschattet sein wird, wird es keine Millionenshows auf ORF2 geben. Es sind keine großen Schritte, doch viele einzelne Maßnahmen.
300 Stellen sollen bis Ende 2021 abgebaut werden. Wird es ohne weitere Entlassungen gehen?
Dieses Programm haben wir schon vor zwei Jahren begonnen. Wir sind noch etwa bei 120 Stellen 2021, das wird sich mit natürlicher Fluktuation ausgehen. Wir werden aber noch einige schwierige Themen mit der Belegschaftsvertretung zu besprechen haben, bezüglich der Frage, wie man sonstige Einsparungen vornehmen kann. Ziel ist aber, dass wir Kündigungsprogramme vermeiden.
Was erhoffen Sie sich vom neuen ORF-Gesetz, das heuer kommen soll?
Es wäre gut, wenn man kein Gesetz anstrebt, das alles komplett neu regelt. Die ganze Debatte um Gremienzusammensetzungen, um die Verkleinerung des Stiftungsrates führt zu nichts, da man sich ohnehin nicht einigen kann. Ich kenne die Diskussion seit 20 Jahren.
Konkret heißt das: Der geplante ORF-Player wird erlaubt, sonst kann alles so bleiben?
In Zukunft kann man sich aus meiner Sicht weitere Schritte vornehmen. Aber jetzt dringlich ist, dass wir den ORF-Player als einen großen Digitalisierungsschritt umgehend realisieren können. Das hat Priorität.
Was wird der Stellenwert des Players sein? Wird er zum neuen ORF.at?
Im Kern kann es eine starke Weiterentwicklung von ORF.at sein, allerdings mit viel mehr Video- und Audio-Inhalten, die nicht zwingend mit dem Fernsehen oder dem Radio verbunden sind. Es geht nicht darum, eine Sendung, die vor zwei Stunden stattgefunden hat, abrufbar zu machen. Das hält nicht mit den neuen Medienkonsumgewohnheiten mit. Aber wieso sollte ich mir nicht etwa das Weltjournal, das um 22.30 Uhr gesendet wird, nicht schon vorher um 20.00 Uhr im ORF-Player anschauen können? Die Entkoppelung des klassischen Fernsehens vom Zeitbegriff ist wichtig. Es muss auch möglich sein, die Inhalte länger als sieben Tage lang abrufbar zu machen. Außerdem braucht es neue Erzählformen.
In Vorarlberg hat der Fall eines fristlos entlassenen ORF-Redakteurs für Schlagzeilen gesorgt. Er soll gegen Coronaregeln verstoßen haben. Der Redakteur ging gerichtlich gegen die Kündigung vor, es kam zur Einigung. Was ist da schiefgelaufen?
Es kam am Ende zu einer einvernehmliche Auflösung des Dienstverhältnisses. Abgesehen vom einzelnen Fall, in dem Stillschweigen vereinbart wurde: Grundsätzlich ist die oberste Priorität und Prämisse die Sicherheit unserer Mitarbeiter. Das muss rigoros gehandhabt werden, damit wir auch den Sendebetrieb für unser Publikum sicherstellen können.
2021 sind die Landesdirektoren neu zu bestellen. Könnte es Überraschungen in Vorarlberg geben?
Bis 2021 ist noch Zeit. Aber in Vorarlberg hat Landesdirektor Markus Klement einen sehr guten Job gemacht und in den letzten Jahren viel bewegt. Wir sind in einer guten Situation, dadurch fällt mir nur wenig Änderungsbedarf ein.
Der ORF wurde insbesondere von der FPÖ, aber auch von der türkisen ÖVP kritisiert, teils scharf attackiert. War das Ibiza-Video auch für Sie als Generaldirektor ein Glücksfall?
Es ist kein Geheimnis, dass es konkrete Pläne gab, die damalige Geschäftsführung kurzfristig abzusetzen. Fest steht: Es ist keine Situation, die man sich für das Land wünscht, aber es war eine Möglichkeit für den ORF, seine Stärken zu zeigen, damals in der Ibiza-Berichterstattung und heute in anderer Form beim Thema Corona.
Sie sind also guter Dinge, dass man mit Kontinuität voranschreiten kann?
(lacht) Jedenfalls im Landesstudio Vorarlberg.