Peter Schröder

Kommentar

Peter Schröder

Stunde der Noblen

Politik / 06.04.2020 • 07:30 Uhr

In Krisenzeiten schlägt regelmäßig die Stunde der Noblen und der Verachtenswerten. Wie gegenwärtig diesseits und jenseits des Atlantiks zu besichtigen ist.

In den USA wie in Europa demonstrieren “ganz normale Menschen” Empathie, Hilfsbereitschaft und Solidarität mit Bedrängten: Da wird für noch bedürftiger Gewordene gespendet, Nachbarn helfen selbstlos Nachbarn und überschütten Nothelfer mit Bekundungen ihrer Dankbarkeit. Schließlich sitzen alle in einem Boot auf hoher See. An vielen Orten macht Rassismus Pause und Fremdenfeindlichkeit ist bis zum Wiederauftauen nach der Krise eingefroren.

Ein Virus transformiert, bei aller Trauer um die Opfer, unendlich Viele zu Noblen. Die wissen, dass die tödliche Krankheit ein grenzenloser “Gleichmacher” ist, es buchstäblich Jeden treffen kann und die Davongekommenen Grund zu praktizierter Dankbarkeit haben. Zu hoffen ist, dass diese Einsichten und das Eintreten für “Mitmenschlichkeit” und die Herstellung von Gleichheit aller Menschen kein Corona-Verfalldatum hat. Auch das Prinzip der Nächstenliebe darf nicht sterben.

Zu hoffen ist, dass diese Einsichten und das Eintreten für “Mitmenschlichkeit” und die Herstellung von Gleichheit aller Menschen kein Corona-Verfalldatum hat.

Auf dem Weg dorthin ist bei allen positiven Folgen der Katastrophe namens COVID-19 noch viel zu tun. Denn auch die Verachtenswerten sind noch unter uns: Etwa die Skrupellosen, die Not und Lebensgefahren für Wucherzwecke ausnutzen und zu persönlichen Zwecken missbrauchen. Dabei gibt es viele Täter: Etwa der  amerikanische Präsident. Der im Kampf um Popularität und Wählerstimmen eine Anti-Virus-Medikamente entwickelnde deutsche Pharmafirma kaufen wollte, die dann “nur amerikanische” Leben retten sollte. Und der US-Firmen den Export von medizinischen Geräten verbietet. Weil das Leben anderer Menschen weniger wert ist?

Die Konzentrationslager für politische Widersacher betreibenden chinesischen Machthaber nutzen die Pandemie augenscheinlich als willkommene Gelegenheit, die entrechtete Bevölkerung mit drakonischen Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen noch stärker zu drangsalieren. Der philippinische Militärdiktator Präsident Rodrigo Duterte wies Polizei und Militär an, in Viruszeiten “Ärger machende Kreaturen” einfach zu erschießen.

In der “Wertegemeinschaft” der Europäischen Union versucht Ungarns Premier Victor Orban unter dem Vorwand der Krisenbewältigung die Demokratie mit Notstandsgesetzen auszuhebeln. Andere EU-Regierungen müssen sich den Vorwurf machen lassen, es mit der partnerschaftlichen Solidarität nicht allzu genau zu nehmen. Stichwort: Eurobonds zur Überwindung finanzieller Not und der Abwendung von Staatsbankrotten in am schwersten von der Coronakrise heimgesuchten Mitgliedsstaaten.

Es ist an der Zeit, dass sich Profiteure, die nationale Egoismen pflegenden und Machtmissbrauch betreibenden Verachtenswerten ein Vorbild an den lobenswerten vielen Noblen nehmen. Sie schulden es den Toten, den Hinterbliebenen und den Überlebenden.