Hauseigentümer zerpflücken das neue Wohnbaupaket des Landes

Markt / 17.10.2023 • 20:40 Uhr
Wie viel Zukunft Eigentum hat, war Thema beim Jubiläumsfestakt der Eigentümervereinigung. Diese fordert anlässlich des Jubiläums eine neue Wohnbaupolitik. <span class="copyright">APA/SCHNEIDER</span>
Wie viel Zukunft Eigentum hat, war Thema beim Jubiläumsfestakt der Eigentümervereinigung. Diese fordert anlässlich des Jubiläums eine neue Wohnbaupolitik. APA/SCHNEIDER

Zum 50-jährigen Jubiläum des Verbands präsentierte der Präsident eine große Wunschliste.

Feldkirch Beim Jubiläum der Vorarlberger Eigentümervereinigung hätte man langjährige Mitglieder ehren und die Erfolge der Vergangenheit feiern können. Doch daraus wurde nichts bei der Veranstaltung im Feldkircher Montforthaus am Dienstag. Vielmehr sei es wichtig, den Blick nach vorne zu richten, sagte der Präsident der Vereinigung, Markus Hagen, im Vorfeld der Veranstaltung. Der Eigentümerverband setze sich für die derzeit 7500 Mitglieder, die im übrigen nicht die Großimmobilienbesitzer sondern kleinen Haus- oder Wohnungseigentümer seien, ein. Wichtig sei dem Verband und ihm selbst aber, dass junge Menschen auch in Zukunft Eigentum schaffen können: „Wir sind nicht nur eine plumpe Interessenvertretung, sondern wollen weiterdenken für jene, die Eigentum schaffen wollen.”

Wenig Begeisterung

Das am Montag präsentierte Wohnbaupaket bot Hagen bei seiner Bilanz eine Steilvorlage. „Hat das jemanden vom Hocker gerissen?”, fragt er und gibt selbst die Antwort. Das Programm „Wohnen 550″ sei gut, doch auch nicht neu. Die Leerstandsabgabe werde nicht mehr Wohnraum mobilisieren, sondern Chaos generieren, weil mit den 2000 Wohnungen werde man keine wirkliche Erleichterung bei der Nachfrage erreichen, und außerdem seien die Regeln in jeder Gemeinde anders.

Christiane Varga vom Zukunftsinstitut und der Präsident der Eigentümervereinigung Vorarlberg, Markus Hagen: Eigentum neu denken und neue Modelle finden. <span class="copyright">FA</span>
Christiane Varga vom Zukunftsinstitut und der Präsident der Eigentümervereinigung Vorarlberg, Markus Hagen: Eigentum neu denken und neue Modelle finden. FA

„Ich behaupte, das macht das Wohnen teurer, denn die Eigentümer werden versuchen, die Kosten dafür andersweitig hereinzubekommen.” Auch das Mietrechtsgesetz sei für viele Wohnungsbesitzer ein Knackpunkt, „sie haben Furcht davor.” Und Wohnbauförderung sei ja auch nichts neues, so der Präsident der Vereinigung.

„Struktureller Neustart”

Was es brauche, sei ein struktureller Neustart, richtet der Eigentümer-Lobbyist der Landespolitik aus. „Wohnen ist eines der wichtigsten Themen im Land, aber wir haben nicht einmal einen Bediensteten bei der Landesregierung, der nur für Bauen und Wohnen zuständig ist.” Es gebe für diesen wichtigen Bereich auch keinen eigenen Landesrat, „das verstehe ich nicht, denn der Wohn- und Baumarkt ist komplex, das muss man verstehen.”

Neue Wohn- und Eigentumsmodelle sind gefragt – ein Wohninstitut sowie qualifizierte Mitarbeiter sollen dabei unterstützen. <span class="copyright">FA</span>(Symbolbild)
Neue Wohn- und Eigentumsmodelle sind gefragt – ein Wohninstitut sowie qualifizierte Mitarbeiter sollen dabei unterstützen. FA(Symbolbild)

Ein Zukunftsinstitut, gespeist aus dem Bodenfonds, soll neue Formen des Bauens, Finanzierens und eben der Möglichkeit Eigentum zu schaffen, erforschen und „noch besser: Fehler, die gemacht wurden, vermeiden.” Die hohen Wohnbaukosten seien nicht nur der Spekulation geschuldet, wie oft glauben gemacht werde, auch Vorschriften und Normen („Der Energieausweis ist ein in seiner derzeitigen Form volkswirtschaftlicher Wahnsinn.”) verteuere das Bauen im Land. „Das gehört entrümpelt, und es müssen Voraussetzungen geschaffen werden, wie Leute wieder günstiger bauen bzw. kaufen können.” Modelle, wie zum Beispiel die bei den deutschsprachigen Nachbarn praktizierte Möglichkeit auch für kleine Bauprojekte Genossenschaften zu gründen – und ja: auch Nachbarschaftshilfe, wie sie vor einigen Jahrzehnten im Land für Wohnraum sorgte, müssen wieder Platz greifen, damit sich junge Menschen Eigentum schaffen können.

Gesellschaftliche Stabilität

Eigentum, und das war die Essenz aus dem Vortrag von Christiane Varga vom Zukunftsinstitut, sei gesellschaftlicher Mörtel und Antrieb für die Menschen – das sei schon immer so gewesen, wie sie anhand ihrer Forschung belegte. „Es gibt ein vertieftes Verlangen nach Eigentum”, doch der Umgang damit unterliege Veränderungen, es brauche neue Wohn- und Eigentumsmodelle. Die Familie Mustermann, wie sie die letzten Jahrzehnte definiert wurde, gebe es nicht mehr. Es gebe neue Lebensläufe, die auch verschiedene Formen von Eigentum notwendig machen. Darüber müsse man nachdenken, und Ergebnisse gebe es nur, wenn Kommunen, Bürger und Politker gemeinsam nach Lösungen suchen. Und in Richtung Politik: „Eigentum sorgt auch für gesellschaftliche Stabilität.” Hagen: „In einem Dorf mit Eigentümern ist die Gemeinschaft sicher anders als in einem Ort, in dem nur vermietet wird.”

Keynote beim Festakt 50 Jahre Vorarlberger Eigentümerverband

Gastrednerin, Trend- und Zukunftsforscherin Christiane Varga (Zukunftsinstitut) gewährt Einblicke in das weite Feld des Wohnens und des Eigentums, zeichnet das Big Picture – von damals bis heute. Sie zeigt, wie schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Eigentum Relevanz besaß. „Thomas von Aquin sah wegweisend bereits im 13. Jahrhundert Privateigentum als notwendig an. Für die Freiheit des Einzelnen sowie für die Existenz und das Überleben der Familie und der Gesellschaft.” Im Laufe der Geschichte sind wiederholende Muster und Trends sichtbar.  „Und das zeigt sich bis heute”, erklärt Varga.

Hauseigentümer zerpflücken das neue Wohnbaupaket des Landes

Menschen sind heute mobiler denn je – nicht nur räumlich, sondern auch in ihren Lebensläufen. Aus simplen Biografien sind heute Multigrafien geworden. „Wir leben in einer meta-mobilen Welt. Alles ist weniger planbar als früher. Lebensläufe sind fragmentarisch. Wir befinden uns häufiger in projektbezogenen Arbeitsverhältnissen, wir haben häufiger Lebensabschnittsgefährten und keine lebenslangen Partnerschaften, wir können auf Reisen sein, dort arbeiten und wohnen. Alles ist viel beweglicher. Das Zeitalter der Familie Mustermann (Mann, Frau, Kinder, Haus), das wir zwar als Standard betrachten, aber das eigentlich ein sehr junges Modell ist, neigt sich dem Ende zu”, erklärt Varga. Die etablierten Wohn- und Eigentumsmodelle entsprechen nicht mehr der Differenziertheit der Gesellschaft. Hier spricht Varga davon, dass es keine Entweder-oder-Modelle benötige, sondern, dass es für die Zukunft Sowohl-als-auch-Ansätze geben müsse, um den verschiedenen Lebensentwürfen entsprechen zu können, aber auch für die verschiedenen Lebensphasen. Varga verweist darauf, dass jeder Trend auch einen Gegentrend auslöse. Deshalb ist in dieser Welt des ständigen und schnellen Wandels und der großen Unsicherheit, gerade bei jungen Menschen, eine Sehnsucht nach einem traditionellen Leben und Sicherheit zu erkennen. Das unterstreicht auch die Jugendwertestudie 2023. Jeder zweite Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren möchte in Österreich in einem Eigenheim leben.