So könnte man Mitarbeiter finden

Durchschnittlich zehn Wochen dauert es, bis eine Arbeitsstelle in Vorarlberg besetzt werden kann – wenn überhaupt.
Schwarzach, Wien Vorarlbergs größter Arbeitgeber ließ vergangene Woche aufhorchen. „Die hohe Auslastung der vergangenen Jahre habe sichtbar gemacht, wie schwierig es sei, in Vorarlberg neue Arbeits- und Fachkräfte zu gewinnen“, nannte der Geschäftsführer von Blum Beschläge, Philipp Blum, als einen der Gründe, weshalb das Unternehmen sich ganz konkret mit dem Gedanken trägt, erstmals ein Werk in Innerösterreich zu errichten. Und auch die Hypo Vorarlberg wirbt für sich als Arbeitgeber: 50 Stellen sind bei der Landesbank derzeit zu besetzen. Nur zwei Beispiele von vielen aus der Vorarlberger Wirtschaft. War es zuerst der Mangel an Fachkräften, der Sorgen bereitete, sind es inzwischen Arbeitskräfte insgesamt und das in so gut wie jeder Branche, die fehlen.
„Als größter Arbeitgeber im Vorarlberger Oberland bleibt auch Liebherr vom Fachkräftemangel nicht verschont. Wir suchen derzeit über 70 neue Mitarbeiter:innen aus allen Unternehmensbereichen. Wir haben zahlreiche HR-Aktivitäten am Laufen, um unsere Employer Branding Positionierung im Land weiter zu stärken. Dabei setzen wir auch gezielt auf neue Formate wie z.B. „Active Sourcing“: dabei handelt es sich um eine neue Form der aktiven Online-Rekrutierung potenzieller neuer Mitarbeitenden. Zusätzlich bilden wir zahlreiche neue Stellen sukzessive selber aus. Ein aktuelles Beispiel hierfür wäre die Lehre zum/zur Applikationsentwickler:in.“
Wolfgang Pfister, Liebherr Nenzing.

Milliardenschaden droht
Der Arbeitskräftemangel ist nicht nur für Personaler eine Herausforderung, sie hemmt das Wachstum der Wirtschaft und hat damit auch volkswirtschaftliche Auswirkungen, der Schaden geht laut Wirtschaftsforschern gleich mehrerer Institute in die Milliarden. Die Demografie lässt nicht auf Entspannung hoffen, wie eine Untersuchung des Think Tanks Agenda Austria zeigt. Zwar nimmt auch in Vorarlberg die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 2023 bis 2050 um 2,9 Prozent ab, doch damit hat unser Bundesland noch gute Karten: Beim Schlusslicht Kärnten schrumpft diese Personengruppe um 17,8 Prozent.
„Wir haben die Suche nach neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, erste Priorität hat bei uns, die bestehenden Mitarbeiter zu halten. Wir bilden Lehrlinge selbst aus, da haben wir keine Probleme, junge Menschen zu finden. Und wir haben auch die Weiterbildung im Haus forciert.
Tim Mittelberger, Dorf-Elektriker

Mitarbeiter aus anderen Ländern sind eine Option, allerdings, schränkt Agenda Austria-Arbeitsmarktexperte Dénes Kucsera, der die Zahlen analysiert hat, ein, haben die meisten EU-Staaten ebenfalls mit fehlenden Arbeitskräften zu kämpfen. Auch die Visa-Politik in Österreich gehöre hinterfragt. Das tut auch Tim Mittelberger, der fordert die Eintrittsbarrieren abzubauen. “Das ist ein klarer Auftrag an die Polik”, sagt er. Eine Maßnahme ist die Unterstützung von Expats, beim Umzug und bei der Eingliederung. Eine Stelle, wie sie im Land gerade gegründet wurde, begrüßt Kucsera, der außerdem Steueranreize für Vollzeitbeschäftigte vorschlägt und Firmen rät, neue Arbeitsmodelle anzubieten. Eine wichtige Maßnahme wäre auch, Anreize zu schaffen, die Arbeitssuchenden aus Ostösterreich den Weg in den Westen schmackhaft machen.
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Expat Service Vorarlberg
Expat Service nimmt Arbeit auf
Die Notwendigkeit eines solchen Services zeigt auch eine Umfrage unter Expats in Vorarlberg, welche die IV-Vorarlberg gemeinsam mit XiPat durchgeführt hat. So seien knapp 80 Prozent der Expats zwar zufrieden mit ihrem Job, eine Mehrheit fühle sich aber nicht integriert. Beispielsweise geben 71 Prozent an, kaum einheimische Freunde zu haben. Die neue Geschäftsführerin des Expat Service Vorarlberg, Claudia Neumayr, selbst jahrelang Expat in China und in Norwegen, sieht in der Integration den wichtigsten Hebel, um internationale Fachkräfte in Vorarlberg zu halten. „Viele Expats tun sich nach ihrer Ankunft in Vorarlberg schwer, so richtig ‚anzukommen‘. Das liegt manchmal an der Sprache, oft aber auch daran, dass man nur schwer Zugang zu Freundeskreisen findet, die schon oft seit der Volksschule bestehen. In großen Städten, in die es die meisten Expats hinzieht und wo es bereits viele Menschen aus aller Welt gibt, ist dieses Problem ein viel geringeres.“ Entscheidend für den Erfolg internationaler Rekrutierungen sei im ersten Schritt aber natürlich der Umzug selbst. „Eine Mehrheit der Expats, die nach Vorarlberg ziehen, kommen nicht allein, sondern bringen ihre Partner oder Partnerin mit; knapp die Hälfte kommt sogar mit Kindern hier an. Mit Kindern in ein fremdes Land zu ziehen, wo man oftmals die Sprache nicht kann, ist natürlich sehr herausfordernd l – nicht nur für die Expats selbst, sondern auch für die Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer dabei unterstützen wollen. Wir wollen hier überbetrieblich Kompetenzen sammeln und es allen diesen Menschen so einfach wie möglich machen, ihre Zelte in Vorarlberg aufzuschlagen. Neben der Integration wird also die bürokratische Servicierung das zentrale Element unserer Arbeit sein.“, so Neumayr weiter. Dass man den Expats natürlich nicht alles abnehmen kann, sei klar, aber: „Wenn man den Expats den Umzug, die Ankunft und das Leben hier so einfach wie möglich gestaltet, kommen mehr Expats hierher und bleiben auch entsprechend länger. All das wirkt dem Arbeitskräftemangel entgegen und hilft unserer Wirtschaft.“
Betriebe können ab jetzt Mitglied werden
Nachdem der Expat Service am 1. März 2023 offiziell seine Arbeit aufgenommen hat, können Betriebe nun Mitglied werden und so auf diese Leistungen zugreifen. Die Mitgliedsbeiträge sind nach Größe des Betriebs gestaffelt, alle Einnahmen werden für die Betreuung und Begleitung von Expats verwendet. Interessierte Betriebe sowie Expats und alle Interessierten finden weitere Infos und die Kontaktdaten unter www.expat-v.at.