Deutsch im Pausenhof
Johann Wolfgang von Goethe – nicht in allem ein Vorbild, aber in der Beurteilung von Sprache sicher ein Großmeister – hat gemeint: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Anders gesagt: Erst im Vergleich und im Erkennen einer anderen Sprache lernt man die eigene, die sogenannte Muttersprache. Ich bin keiner Fremdsprache wirklich mächtig, erinnere mich aber an den Lateinunterricht, als ich das erste Mal die Struktur des Deutschen verstanden habe – eine Bestätigung also für die Aussage von Goethe. Dass die Kenntnis anderer Sprachen eine Bereicherung, eine Schärfung des Verstandes und eine Erweiterung des Bewusstseins bringen, das steht vermutlich außer Frage. Wie aber erlernt man eine fremde Sprache?
Bei manchen politischen Parteien und ihren Vertretern scheint das nicht ganz klar. So fordert die Freiheitliche Partei seit Langem, die FPÖ Niederösterreich vor allem, seit sie mit der ÖVP in der Regierung sitzt, dass in den Schulen in den Unterrichtspausen nur Deutsch gesprochen werden darf. Anders gesagt: Kinder, die aus anderen Ländern geflüchtet sind und mit ihren Eltern (oder noch schlimmer: alleine) schutzsuchend zu uns gekommen sind, dürfen sich auch mit ihren Landsleuten oder Freunden in der Schule nur auf Deutsch unterhalten. Und wenn sie das nicht können? Dann sollen sie wohl gefälligst das Maul halten, bis sie unsere Sprache gelernt haben. Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, dass die Kenntnis der Sprache erst wirklich ein Zusammenleben ermöglicht, eine berufliche Zukunft sichern kann. Aber den jungen Menschen in der Schule ihre Muttersprache zu verbieten, ist schlichtweg unmenschlich und letztlich auch unsinnig.
Dass der höchste Lehrer der Nation, Bildungsminister Martin Polaschek von der Volkspartei, in einem Interview in dieser Zeitung ähnlich den Freiheitlichen ins Horn bläst, das ist aber schlicht unerträglich. Polaschek wörtlich: „Die Aufforderung, dass auch in den Pausen Deutsch gesprochen wird, ist durchaus diskussionswürdig. Denn die deutsche Sprache zu beherrschen verbessert alle Möglichkeiten, am gesellschaftlichen Leben in unserem Land teilzuhaben.“ Polaschek, der vor seiner politischen Funktion Rektor der Universität Graz war, der ins Ministerium aber nur deshalb gekommen ist, weil man in der Regierung unbedingt einen Vertreter aus den Steiermark haben musste, ist ja nicht gerade bekannt für seine besonders gescheiten Äußerungen. Aber das, was er da zur Sprache im Pausenhof von sich gegeben hat, das schlägt dem Fass den Boden aus. Es ist nicht Aufgabe der Schüler, sich im Pausenhof die deutsche Sprache anzueignen, es ist vielmehr Aufgabe der Schule, den jungen Zugewanderten die Sprache beizubringen. Aufgabe des Bildungsministers wäre es zu gewährleisten, dass das auch geschieht. Und wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann soll er gehen.
„Aber den jungen Menschen in der Schule ihre Muttersprache zu verbieten, ist schlichtweg unmenschlich und letztlich auch unsinnig.“
Walter Fink
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Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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