Ein zögerlicher seismologischer Weckruf

Kultur / 16.04.2023 • 16:45 Uhr
"Erdbeben in London":  Ein <span class="copyright">Anja Köhler</span>Polit-, Klima- und Familienthriller.
"Erdbeben in London": Ein Anja KöhlerPolit-, Klima- und Familienthriller.

Das Vorarlberger Landestheater präsentiert die österreichische Erstaufführung von Mike Bartletts Erdbeben in London.

Bregenz Der apokalyptische Folk-Rock-Song „In The Year 2525“, der für dieses Stück nicht nur Pate gestanden hat, sondern darin immer wieder als Stilmittel retardierend eingesetzt wird und als erfolgreichstes One-Hit-Wonder aller Zeiten in die Musikgeschichte einging (über 5 Mio. verkaufte Tonträger und 32 Coverversionen), wurde von dem kongenialen Musikerduo Zager and Evans 1969 veröffentlicht.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.

Die sogenannte Weissagung der Cree (indigenes Volk Nordamerikas) „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist …“ stammt aus dem Jahre 1972, dessen Wurzel reicht aber vermutlich in das 19. Jahrhundert zurück.

David Kopp, Nico Raschner und Maria Lisa Huber.    <span class="copyright">Anja Köhler</span>
David Kopp, Nico Raschner und Maria Lisa Huber. Anja Köhler

The Club Of Rome präsentierte bereits im Jahre 1972 ihren bahnbrechenden, aber auch verstörenden sowie anklagenden Bericht über „Die Grenzen des Wachstums“. Mike Bartlett schrieb sein Stück „Earthquakes in London“ 2010. Die Frage sei gestattet, warum hat sich bis dato noch kein österreichisches Theater diesem Stoff angenommen, obwohl die deutschsprachige Erstaufführung bereits 2011 im Theater Bonn stattfand?

Maria Lisa Huber und Vivienne Causemann.    <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Maria Lisa Huber und Vivienne Causemann. Anja Köhler

Die Geschichte ist schnell erzählt: Drei Schwestern, jede mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und alle von der Klimakatastrophe in unterschiedlicher Weise betroffen sowie ein Klimaforscher und Vater, der sich einst in den 1970 Jahren von einer Fluggesellschaft kaufen ließ, damit er einen gefälschten Bericht erstellt.

Zoe Hutmacher.     <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Zoe Hutmacher. Anja Köhler

Bartlett hat seine Hausaufgaben gemacht, wenn auch etwas unachtsam und beliebig. Sein Text hat keine Sogwirkung, verhindert manchmal sogar die brennenden Themen, am eindringlichsten und emphatischsten ist der Dialog der hochschwangeren Freya mit ihrer ungeborenen Tochter Emily, die sich von der Waterloo Bridge (hier fehlte noch „Waterloo Sunset“ von den Kinks) in die Themse stürzt und die Dialoge der aalglatten Wirtschaftsbosse mit dem Wissenschaftler und Vater Robert, wunderbar verkörpert von Rolf Mautz.

Maria Lisa Huber.    <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Maria Lisa Huber. Anja Köhler

Die drei Schwestern, Zoe Hutmacher (Sarah), leider ist ihre Stimme etwas ihrer Heiserkeit zum Opfer gefallen, Maria Lisa Huber (Freya) und Lina Hoppe (Jasmine) bringen in ihrer Darbietung auf den Punkt, was Bartletts Text vermissen lässt. Eine Augenweide Nurettin Kalfa als skrupelloser Tycoon, als Klimaaktivist und vor allem als Eisbär, göttlich! Auch Luzian Hirzel (sechsfach besetzt) macht eine tolle Figur.

"Die verdammten Babyboomer".   <span class="copyright">Anja Köhler</span>
"Die verdammten Babyboomer". Anja Köhler

Eine gediegene und ambitionierte Arbeit liefert das Regieteam Oliver Keller und Patric Bachmann ab. Nestroy-Theaterpreis verdächtig sind Bühne und Kostüm von Tatjana Kautsch sowie Video von Andreas Bächli. Der Tanz auf dem Vulkan der Akteure auf einer gekappten Erdkugel, die sich dreht und die mit einem elastischen Sprungtuch bespannt ist, genialer Einfall.

David Kopp und Luzian Hirzel.   <span class="copyright">Anja Köhler</span>
David Kopp und Luzian Hirzel. Anja Köhler

Man hätte sich mehr Aufrüttelndes, Erschütterndes, Verstörendes, nicht nur rhetorische Ohrfeigen einmal links, einmal rechts gewünscht, mehr Empathie, mehr Nachhaltigkeit und vor allem einen dystopischen Text, der die gesamte Bandbreite unseres nicht nur grob fahrlässigen, sondern vernichtenden Umgangs mit unserer Erde und alles was damit zusammenhängt („Alles ist mit allem verbunden, wir sind ein System“) aufzeigt.

Rolf Mautz.   <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Rolf Mautz. Anja Köhler

„Die verdammten Babyboomer“, tönt es einmal aus Jasmine. Wie recht sie hat. Man hätte durchaus mehr von solchen Anprangerungen und Verfemungen hören wollen. Aber das gab der Text von Bartlett nicht her. Wie bereits erwähnt, das haben andere schon lange vor Mike Bartlett auf viel energischere und eindringlichere Weise aufgezeigt. Aber das tatsächlich Desaströse an der ganzen Sache ist, dass wir bis heute diese ultimativen Weckrufe geflissentlich ignorieren.

Thomas Schiretz

Erdbeben in London

Dienstag, 18. April, 19.30 Uhr

Freitag, 21. April, 19.30 Uhr

Sonntag, 23. April, 19.30 Uhr: 2:1-Aktion – Weil’s zu zweit viel schöner ist! Ihre Begleitung hat freien Eintritt

Mittwoch, 26. April, 19.30 Uhr

Vormittags­vorstellung

Freitag, 21. April, 10 Uhr