Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ein Großer ist gegangen

Kultur / 11.09.2020 • 20:00 Uhr

Es war an einem Abend im Jahr 1987. Der damalige Landeshauptmann Herbert Keßler hatte die früher nicht so große Medienschar ins Gasthaus „Zoll“ an der Lauteracher Brücke geladen. Das kam dann vor, wenn Keßler wichtige Entscheidungen verkünden wollte. Diesmal ging es um eine Regierungsumbildung, der bisherige Landesrat für Finanzen, Hochbau und Legistik, Guntram Lins, werde nun auch das Kulturressort, das bisher Keßler selbst geführt hatte, übernehmen. Ich war schockiert – und erlaubt mir, das auch kundzutun. Zwar waren alle froh, dass Keßler die von ihm höchst konservative geführte Kultur abgab – aber dafür einen Finanzer und Juristen, das konnte ich mir nicht vorstellen. So kam es zum ersten Disput mit Landesrat Guntram Lins, der bis spät in die Nacht dauerte. Als wir uns trennten, waren wir nicht gerade Freunde, aber doch hatte sich so etwas wie Respekt und Sympathie gebildet. Denn Lins erwies sich nicht nur als kluger, sondern auch als belesener Kopf, offen für philosophische, künstlerische und soziale Fragen. Vor wenigen Tagen ist Guntram Lins verstorben.

Der erste Eindruck bestätigte sich in der politischen Praxis: Guntram Lins brachte Offenheit und Liberalität in die Kulturpolitik des Landes, er erlaubte sich eigenständige Gedanken, suchte das Gespräch auch mit nicht regierungsnahen Menschen, natürlich Künstlern. Vor allem: Lins hatte Visionen. Eine seiner größten war wohl die Durchsetzung des Baus des Kunsthauses Bregenz gegen den erklärten Willen auch mancher Regierungsmitglieder, seine Übereinstimmung mit Architekt Peter Zumthor und dem ersten Direktor Edelbert Köb brachten letztlich dieses bis heute leuchtende Haus an den See. Viele andere Dinge gäbe es für seine Zeit aufzuzählen, obwohl er nur sieben Jahre Landesrat für Kultur (1987 -1995) war: Die Gründung des Spielbodens, das Projekt Kultursprünge, die Errichtung von Auslandsateliers für Künstler aus Vorarlberg, die maßgebliche Steigerung des Kulturbudgets, die Gründung des Philosophicums Lech. Man kann es vereinfachen: Guntram Lins hat die Kulturpolitik des Landes bis heute nachhaltig verbessert. Nicht zuletzt: Lins war ein sozialer Mensch, er hat sich über den Verein „Aktion Mitarbeit“ maßgeblich um Fragen der Arbeitslosigkeit und dann der Integrationspolitik gekümmert, hat diese Tätigkeit auf eine nicht angreifbare Position gebracht.

Solche – und andere – Verdienste waren das eine, der Mensch Guntram Lins war das andere, das Wichtigere. Es war immer spannend, mit ihm zu sitzen, ein gutes Essen und ein gutes Glas vor sich, und zu diskutieren, auch zu streiten. Mit ihm hat uns ein ganz Großer verlassen, mir ist ein Freund und unglaublich wichtiger Gesprächspartner abhanden gekommen. Er wird dem Land fehlen, er wird mir fehlen.

„Guntram Lins brachte Offenheit und Liberalität in die Kulturpolitik des Landes, er erlaubte sich eigenständige Gedanken.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.