Überwältigendes Nordmeer

Kultur / 17.04.2026 • 10:27 Uhr
Überwältigendes Nordmeer

VN-Kommentar von Walter Fink.

Vergangenes Wochenende erfüllte sich für mich ein Jugendtraum, ein Jahrzehnte gehegter Wunsch: Ich war das erste Mal an der Nordsee. Schon seit langer Zeit war ich durch Literatur zum Nordmeer in Sehnsucht versetzt, bei der Lektüre von Theodor Storm oder Siegfried Lenz meinte ich immer, sofort in den Norden fahren zu müssen. Ich fuhr nie. Bis zum letzten Sonntag nicht. Und selbst dafür benötigte ich eines Anlasses, nämlich des Geburtstages meines Schwagers, der vor einem halben Jahrhundert meine Schwester zu sich in den Norden Deutschlands geholt hatte. Ich war damit schon ziemlich nahe am Meer und wollte nun vollenden, wonach mein Sinn schon lange stand. Gemeinsam mit Frau, Schwester und Schwager nahm ich das Nordmeer als Ziel.

„Bei starkem Unwetter ritt ich auf einem nordfriesischen Deich entlang. Zur Linken hatte ich die öde, bereits von allem Vieh geleerte Marsch, zur Rechten, und zwar in unbehaglichster Nähe, das Wattenmeer der Nordsee; zwar sollte man vom Deiche aus auf Halligen und Inseln sehen können; aber ich sah nichts als die gelbgrauen Wellen, die unaufhörlich wie mit Wutgebrüll an den Deich hinaufschlugen.“ So wortgewaltig beginnt Theodor Storm im Jahr 1888 seine Novelle „Der Schimmelreiter“, eine der schönsten Geschichten zur Nordsee. Doch er lässt uns mit manchen Begriffen, die im Norden allen geläufig sind, allein. Ich ließ mir erklären: Der Deich ist ein künstlich errichteter Erdwall, der flache Küstengebiete vor Hochwasser und Sturmfluten schützt. Als Marsch bezeichnet man Schwemmland an norddeutschen Küsten, das Wattenmeer ist das bei Ebbe freiwerdende Land an der Nordsee und schließlich sind Halligen kleine Inseln im Wattenmeer. Wenn man das weiß, kommt man bei Storm schon ziemlich weit. Ganz ähnlich verhält es sich bei Siegfried Lenz‘ Kurzgeschichte „Die Flut ist pünktlich“, einer unglaublichen, kunstvollen, dramatischen Abhandlung einer Ehe auf sechs Seiten.

Ich kannte also Literatur, aber ich kannte nicht das Nordmeer. Und ich stand wie erschlagen, als ich zum ersten Mal all die Dinge sah: das Wattenmeer, die Halligen (nämlich die Insel Neuwerk), die Priele, die kurvenreichen Wasserläufe, die das Wattenmeer wie Adern durchziehen, die unglaubliche Weite des Wattenmeers, die das Meer in weiter Ferne nur erahnen lässt. Und dann kommt die Flut, das Wattenmeer verschwindet – und mit ihm jene, die nicht zeitgerecht zurückgekommen sind.

Es ist ein großartiges Schauspiel, wohl auch, weil es nicht nur voll von Schönheit ist, sondern auch Unheilvolles, Beängstigendes birgt. Es ist ein ganz anderes Meer als unser gewohntes Mittelmeer, der Tidenhub der Nordsee, der Unterschied zwischen Ebbe und Flut, der zweimal täglich im Abstand von etwa sechs Stunden wechselt, beträgt bis zu vier Meter. Daraus erklären sich all die Dinge wie das Wattenmeer oder die Halligen. Es war überwältigend, das Nordmeer zu sehen. Und dass ich den „Schimmelreiter“, eine der schönsten Novellen, die ich kenne, in diesen Tagen noch einmal angesichts des Nordmeers von vorne bis hinten las, machte das Erlebnis noch tiefer. So wie eben Literatur das Sehen einer Landschaft immer erweitert.