Die Philharmoniker sind nur aufgeschoben

Kultur / 21.08.2020 • 22:08 Uhr
Michael Heim als Erik mit Anna Gabler als Senta in „Der fliegende Holländer“ bei den Weinviertler Festspielen. Görlich-Fletzberger
Michael Heim als Erik mit Anna Gabler als Senta in „Der fliegende Holländer“ bei den Weinviertler Festspielen. Görlich-Fletzberger

Auch für den Vorarlberger Tenor Michael Heim fiel die Saison fast flach, es kommen aber große Partien.

Berlin, Thüringen Mit dem Florestan sollte bekundet werden, dass mit der Erarbeitung des dramatischen Repertoires alles bestens läuft, doch dann verhinderte das Virus alle Aufführungen und damit auch die neue „Fidelio“-Produktion in Schwerin. Noch härter traf Michael Heim die Absage der Osterfestspiele in Baden-Baden während die Proben bereits voll im Gang waren. Mit den Berliner Philharmonikern im Orchestergraben hätte der aus Vorarlberg stammenden Tenor zwei große Partien in der Kammeroper „Simplicius Simplicissimus“ von Karl Amadeus Hartmann übernommen. Sein Glück: Die Produktion soll im kommenden Jahr im Programm bleiben. Ob die Münchner Philharmoniker jene „Carmina Burana“-Produktion, für die er engagiert war, doch noch realisieren, ist noch unklar. „Ich bin von Hundert auf Null gekommen“, beschreibt er die Situation.

Nach der Aufhebung der strikten Aufführungsverbote geht es ihm nun wieder etwas besser als vielen seiner Kollegen. „Soll bloß keiner behaupten, dass wir ohnehin Unterstützung bekommen“, hält er fest. Nach einigen Jahren in Dresden hat Michael Heim seinen Hauptwohnsitz nun nach Berlin verlegt und erfährt tagtäglich in seinem Umfeld, dass die staatlichen Maßnahmen gegen die Pandemie-bedingten Einnahmenausfälle nicht wirklich greifen. Zu schaffen macht dem engagierten Vorarlberger auch die Angstrhetorik mancher Politiker. Dass die Gesundheit unser höchstes Gut ist, stehe außer Frage, wer laut darüber nachdenke, dass sie auch durch Strukturen gefährdet sei, die die Politik überhaupt nicht kümmern, oder einwerfe, dass manche Maßnahmen unkoordiniert sind, gelte bereits als Verschwörungstheoretiker. Das schnüre einem wiederum den Hals zu, bemerkt Heim, der sich wie viele Künstler ärgert, dass in den zuständigen Behörden davon ausgegangen wird, dass der Besuch eines Konzertes wesentlich mehr Ansteckungsgefahr in sich birgt als der Aufenthalt in einem Einkaufszentrum. „Dabei erlebe ich überall, wie diszipliniert sich das Publikum verhält.“

Janácek in Frankfurt

Erfahren konnte er dies zuletzt bei den Weinviertler Festspielen, mit denen Intendant Peter Svensson Corona trotzte und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten bot, für die sie noch so lästige Präventionsmaßnahmen penibel einhielten. Heim hatte die Möglichkeit, die Partie des Erik in der Wagner-Oper „Der fliegende Holländer“ zu singen, in einer konzertanten Aufführung des ersten Aufzugs der „Walküre“ übernahm er die Rolle des Siegmund. In der Zwischenzeit haben auch wieder Vorsingen stattgefunden. Eines hat dazu geführt, dass Heim für die Produktion „Aus einem Totenhaus“ von Janácek an die Oper Frankfurt engagiert wurde. Die Begegnung mit dem Intendanten Bernd Loebe ist, wie Michael Heim schildert, auch durchaus humorvoll verlaufen. Als der Tenor darauf beharrte, dass er die Schmiede-Lieder aus „Siegfried“ auch wirklich gerne singe, meinte Loebe: „Was ist in Ihrer Erziehung schiefgelaufen, dass Ihnen das Spaß macht.“

Es dürfte alles gut gelaufen sein, Michael Heim tritt demnächst mit seinem Bruder Stefan nahe seines Heimatortes in Thüringen auf. Bald singt er an der Staatsoper Hamburg in „Die Nase“ von Schostakowitsch unter Kent Nagano.

„Uns Künstler trifft die Krise überaus hart, dabei thematisieren wir oft Sinnstiftendes.“

Konzert Michael und Stefan Heim, 30. August, 17 Uhr, Villa Falkenhorst, Thüringen. “Aus einem Totenhaus” an der Oper Frankfurt ab Februar nächsten Jahres.