Scheune zur Welt

Immo / 21.01.2021 • 15:22 Uhr
Scheune zur Welt

Hittisau ist eine Gemeinde im Bregenzerwald mit schöner Landschaft, regem Vereinsleben, frischer Luft. Designer und Architekt Georg Bechter lebt und arbeitet in seinem Geburtsort. Der landwirtschaftliche Nutzbau, den er von seinem Vater geerbt hatte, war Bestandteil des Dorfes und bot viel Volumen. Bechter baute ihn zum Architektur- und Designatelier, zu Showroom, Produktions- und Vertriebsstätte seiner Leuchten aus und um. Hier arbeiten nun 15 Menschen, die Wertschöpfung bleibt im Ort.

Dorf ist eine gute Adresse. Damit ist Wesentliches gesagt – und fängt doch die Reise zu allem, was sonst noch wesentlich ist, erst an. „Dorf“ heißt eine schmale Straße, die sich über die Felder durch Hittisau zieht. Ein malerischer Ort mit knapp 2000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Bregenzerwald. Die Adresse „Dorf 135a“ bezeichnet eine sehr außergewöhnliche Scheune. Fast 30 Meter lang, 19 Meter breit, bis zum Satteldachfirst 13 Meter hoch steht sie als idealtypisches, vertrautes Volumen eines landwirtschaftlichen Nutzbaus da und ist doch ganz anders. Im Norden die Zufahrt auf einen Rangierplatz, im Süden ein Feld, das im Winter Langlaufloipe ist. Hier ist dem Gebäude ein mehrgeschoßiger Wintergarten aus weißem Holz vorgestellt. Er leuchtet von innen wie eine Laterne.

Ein Geflecht aus 45° diagonal geneigten Fichtenlatten überzieht die Fassade, deren Zwischenräume das darunterliegende Windpapier mit schwarzen Rauten füllen. Von der Ferne wirken sie wie Punkte, die Fassade wie ein Geflecht oder textiles Gewebe. Auf der Eingangsseite im Norden sind drei riesige Öffnungen eingeschnitten, die fast bis zur Traufkante reichen. Im Sockel aus massivem Holz verbergen sich die Fenster hinter ein paar kunstvoll hingetupften Löchern. Dieses Haus ist nun die kreative Wirkungs- und Produktionsstätte von Architekt und Designer Georg Bechter. „Es darf weiterleben, aber es ist etwas Neues. Es muss nicht so tun, als ob es noch eine Scheune wäre.“ An ihr zeigt sich auch der Wandel des Dorfes.

Bechter ist in Hittisau geboren, machte die HTL für Innenausbau/Möbelbau in Imst und brach dann auf in die Welt. Er studierte in Stuttgart Architektur und Bildhauerei, lehrte, lernte und kam zurück in sein Dorf. Bechters Licht- und Architekturatelier in Langenegg platzte aus allen Nähten. „Büro, Versand, Lager, Produktion: Alles war zu klein. Wir suchten lange, fanden aber nichts.“ Dann starb sein Vater – und vererbte ihm die Scheune. Damit wurde ein sehr großes Volumen im Dorf frei. „Hier konnten wir unsere Betriebsflächen verdoppeln.“ Bechter baute den Bestand aus den 1980ern zu seiner Betriebs-, Arbeits- und Produktionsstätte um, die auch Showroom für Bechter Licht ist – und ein Referenzobjekt für das Handwerk im Bregenzerwald.

15 Menschen arbeiten hier, zehn davon sind ständig da – sie essen gemeinsam im Wintergarten, wo im ersten Stock ein riesiger Tisch steht. Auch wenn gerade kein Essen am Herd dampft, ist der Raum sehr einladend: Frische Blumen, selbstgemachtes Apfelmus, Kuchen, wie Perlen an einem Faden baumeln handgefertigte, poetische Lampen von der Decke. In diesem ungeheizten Raum kann man kurz aus dem Arbeitsalltag heraustreten, tief durchatmen und seine Batterien wieder aufladen. Eine Form von Luxus. In den Betonboden im ersten und zweiten Stock sind messinggefasste Glaskreise eingelassen. Sie brechen das Licht auf einmalige Weise. Darunter gedeiht im Erdgeschoß der Indoorgarten für alle.

Eine breite Stiege führt direkt in das kreative Universum im ersten Stock. Der Raum ist fast ganz offen, die Außenwand im Süden im Bereich des Wintergartens in Fenster aufgelöst. So kann das natürliche Tageslicht hereinfluten. Der Wintergarten wirkt als Puffer – für Hitze, Kälte, zu starkes Licht – und als Ort für Entspannung und Austausch. „Unser Büro ist sehr offen“, sagt Bechter. „Wir haben drauf geachtet, vor allem natür-liche Materialien zu verwenden.“ Lehmputz aus der eigenen Baugrube an den Wänden, der Boden aus gestampfter, mit Öl eingelassener Erde. Vor dem Empfangspult wächst ein Baum aus dem Boden. Ein Trichter im Dach versorgt die tiefe Raummitte mit Licht, die weich gerundete Kapsel in der Mitte, in der Damen- und Herren-WCs sowie die Treppe auf die Galerie stecken, aber ist aus weißem Gipskarton und Putz. Die Galerie ist eine weitere „Chillzone“ mit Blick nach unten. Überall gibt es weiße Wandflächen mit organisch ausgestülpten Ablageborden oder im Weiß versinkende Nischen. So können Kleiderhaken aus eigener Produktion dem Putz entwachsen und sich Lampen in weiche Mulden schmiegen. „Unser Büro ist auch gelebter Showroom“, sagt Bechter. „Wir wollen der Fläche ihre dritte Dimension geben.“ Das zeigt sich hier ganz deutlich. Produziert, verpackt und verschickt wird dieses Design im Erdgeschoß. Vom „Dorf“ in alle Welt.

„Unser Büro ist sehr offen. Wir haben darauf geachtet, vor allem natürliche Materialien zu verwenden. Alles, was aus weißem Gipskarton ist, ist Showroom.“

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