Über das Mitgefühl

Gesund / 13.08.2021 • 11:24 Uhr
Claudia Wielander erklärt, wie der Mensch physisch überlebt.LPV
Claudia Wielander erklärt, wie der Mensch physisch überlebt.LPV

Ein Weg des Verstehens in der Pandemie.

Dornbirn Wenn der Mensch zur Welt kommt, beginnt die Erforschung dieser Welt. Dazu brauchen wir den Anderen. Wir erfahren die äußere Welt, und zugleich entwickelt sich auch unsere Innenwelt, ein wichtiger privater Raum, den wir zum psychischen Überleben brauchen. In diesen imaginären Raum begeben wir uns später um ‚bei uns (daheim) zu sein‘, um nachzuspüren und unseren inneren Bildern, Gedanken und Gefühlen nachzuhängen, aber auch um Vorstellungen zu entwerfen, die ein Probehandeln in uns ermöglichen.

Lernen durch Nachahmung

Doch wie entsteht dieser Innenraum? Wir lernen hauptsächlich durch Nachahmung. Wir kopieren also das, was uns andere vormachen. Vom Gegenüber werden wir dabei ‚beantwortet‘ und so immer mehr ‚erkannt‘. Durch diese Resonanz erfahren wir mehr und mehr, wer wir selbst sind. Martin Buber sagte dazu: „Der Mensch wird am DU zum ICH.“ Wir Psychotherapeuten sprechen dabei von einer adäquaten, also stimmigen, angemessenen Rückmeldung an das Kind. Das kann ein Lächeln sein, ein Strahlen in den Augen, wenn wir uns an dem Kind erfreuen. Das Kind erkennt daraus, dass es dieses auslösen kann und wird wieder und wieder probieren, die Aufmerksamkeit auf sich lenken, so wie wir das umgekehrt auch tun. Und wenn dieser abgestimmte feinspürige Beantwortungsprozess gut gelingt, lernt das Kind seine Emotionen kennen, seine Bedürfnisse einzuordnen und dabei seine Gefühle zu variieren.

Verschiedene Laute kommen zur Mimik dazu, und daraus werden später Worte. Damit diese Worte nicht leer bleiben, verbinden wir diese mit genau jenen Szenen von früher. Wir gehen also in die Vorstellung des Erlebten und fühlen uns so in den Anderen von damals ein. Vielleicht unterhalten wir uns stumm, und es zaubert uns eine Mimik ins Gesicht und ein Gefühl ins Herz. Manchmal fehlen dazu die passenden Worte, weil sie dem Ganzen nicht gerecht werden. In der Umgangssprache sprechen wir von „in den Schuhen des Anderen gehen, um zu verstehen“.

Notwendiger Kitt

Genau das ist gemeint. Ich muss mich in die Situation des anderen Menschen hineinversetzen können um ihn/sie annähernd zu erfühlen, zu verstehen. Wir sagen dazu „mentalisieren“. Später werfen wir also das Bild des Anderen in unseren Innenraum und suchen (unbewusst) nach diesen frühen Beziehungserfahrungen. So erfühlen wir immer mehr in uns – im Ähnlichkeitsprinzip – das, was wir vom Gegenüber gerade wahrnehmen. Das nennen wir verstehen! Gelingt dies gut, fühlt sich der Andere auch verstanden. Eigentlich ist es Mitgefühl, weil wir mit dem Anderen fühlen. Mitgefühl ist ein notwendiger Kitt in Beziehungen und in Gesellschaften! Und ein Weg des Verstehens – besonders in der Pandemie!

Infos: VLP-Vorarlberg, Landesverband für Psychotherapie, Tel. 05572/21463, E-Mail: vlp@psychotherapie.at und www.vlp.or.at