Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Eine Frage der Normalität

Gesund / 14.05.2021 • 11:39 Uhr

Normalität: Früher ein Begriff, um den sich niemand geschert hat. Alles, was ablief, war irgendwie normal. Passierte etwas, das nicht normal war, redete man darüber, wunderte sich (oder auch nicht, weil so etwas ja immer wieder einmal vorkommt), war betroffen, erfreut oder traurig (je nachdem, worin die Abweichung von der Normalität bestand), und ging dann wieder zur Tagesordnung über. In der Soziologie wird die Normalität als das Selbstverständliche in einer Gesellschaft beschrieben, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Und jetzt? Seit mehr als einem Jahr sind Politiker und Gesundheitsexperten nur noch damit beschäftigt zu erklären und zu entscheiden, was wir tun dürfen bzw. auf keinen Fall tun sollten. So schnell kann sich Normalität ins Gegenteil verkehren.

Die Normalität als solche scheint auch gar nicht mehr zu existieren, scheint von der Pandemie geradezu aufgesogen worden zu sein. Es gibt nur noch eine neue Normalität. Wie die aussehen soll, bekommen wir derzeit in Häppchen serviert. Bis wann sie sich zu einem Bild formt, bleibt unklar wie so vieles, was Corona und seine Folgen betrifft. Was wird die sogenannte alte Normalität von der sogenannten neuen unterscheiden? Wie viel nehmen wir mit aus den Wochen und Monaten, die uns Geduld, Achtsamkeit und Fürsorge anderen gegenüber gelehrt, zum Teil abverlangt haben? Wie viel bewahren wir uns davon, wenn das Leben wieder alle Stücke spielen darf? Die Zeit wird uns die Antworten liefern, aber: Ein bisschen weniger von dem vielen, von dem wir in der alten Normalität oft in Fülle gekostet haben, würde vermutlich allen und allem zum Wohle gereichen.

Marlies Mohr

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