Schwangerschaftstest ohne Kind
Der erste positive Schwangerschaftstest ist für viele Frauen gleichbedeutend mit einem Kind im Arm zu halten. Die zwei roten Streifen auf dem Schnelltest versprechen unmittelbar die Geburt eines Babys. Schon zwei Tage vor dem Ausbleiben der Regel zeigen hochempfindliche Tests im Morgenurin eine Schwangerschaft an. Damit beginnt neben der großen Freude leider schon sehr früh auch die Angst vor einer Fehlgeburt.
Vor 40 Jahren gab es diese schnelle Art von Schwangerschaftsnachweis noch nicht. Die Omas und Mütter der heutigen Schwangeren mussten oft Wochen, manchmal sogar Monate warten, bis die Schwangerschaft ärztlich bestätigt werden konnte. Die Ultraschallgeräte, die vor 40 Jahren erstmals in den Frauenarztpraxen in Vorarlberg zum Einsatz kamen, bedeuteten einen großartigen Fortschritt, die Qualität der Bilder war allerdings noch weit vom heutigen Standard entfernt. Ein sicherer Nachweis einer lebenden Schwangerschaft vor der 8. Woche war damals unsicher und schwierig.
Fortschritt und mehr Leid
Die meisten gestörten Schwangerschaften und Fehlgeburten treten in der Zeit zwischen dem ersten positiven SST (12 Tage nach Befruchtung) und dem sicheren Nachweis des kindlichen Herzschlags im Ultraschall (ca. 4 Wochen nach Befruchtung) auf. Also zu einer Zeit, in der man früher noch keine Bestätigung der Schwangerschaft hatte. Die in diesen Fällen verspätete stärkere Regel wurde oft nicht mit einer sehr frühen Fehlgeburt in Verbindung gebracht. Deshalb haben wir früher die Fehlgeburtenrate mit „nur“ 10 Prozent angegeben. Heute wissen wir, dass vom frühesten positiven SST bis zum ersten nachweisbaren Herzschlag 15 Prozent der Schwangerschaften sich nicht weiterentwickeln und wir somit insgesamt bei 25 Prozent Fehlgeburten liegen. Das bedeutet heute viel häufiger und früher Angst, Trauer und oft Verzweiflung für die Schwangere und ihre Lieben.
Ein weiteres Problem des frühen Schwangerschaftsnachweises ist, dass uns der sichere Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft kaum vor der abgeschlossenen 6. Woche (ab 1. Tag der letzten Regel) gelingt. In dieser ganz frühen Phase bangt die Schwangere um ihr Baby, während der Arzt bei der Ultraschalluntersuchung darauf konzentriert ist, eine etwaige Eileiterschwangerschaft nicht zu übersehen, auszuschließen oder rechtzeitig zu diagnostizieren, um weitere Komplikationen abzuwenden. Das sind völlig unterschiedliche empathische und medizinische Zugänge, die zu verletzenden Missverständnissen führen können.
Erfahrungen von Müttern
Frauen mit mehreren Kindern haben sehr oft die bittere Erfahrung einer Fehlgeburt machen müssen. Diese Mütter und Omas können authentisch sehr gut trösten und Hoffnung machen. Allgemein wird die psychologische Belastung einer Fehlgeburt, auch wenn sie sich schon sehr früh ereignet, stark unterschätzt. Da hilft es wenig zu erklären, dass die meisten Fehlgeburten biologisch sinnvoll sind, weil der Embryo krank ist: Aus der Sicht der Schwangeren wird ihr ein „Kind“ genommen, und das ist oft ein Jahrzehnte anhaltender Schmerz.
„Der sehr frühe Schwangerschaftstest kann auch Leid mit sich bringen.“
Hans Concin
hans.concin@vn.at
Prim. a. D. Dr. Hans Concin, Vizepräsident aks Verein
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