Wanderarbeiter, die Sensationelles schufen

Vorarlberger Holz- und Barockbaukunst steht endlich im Fokus.
Bezau, Au Fast jeder kennt sie oder weiß zumindest von der prachtvollen Klosteranlage in St. Gallen mit der Stiftsbibliothek, von der Wallfahrtskirche in Birnau, dem Kloster Weingarten, dem Kloster Einsiedeln oder vom Kloster- und Schlosskomplex in Salem. Sie alle zählen zu den Ausflugs- und Exkursionszielen von kulturgeschichtlich interessierten Menschen oder Schülern und Studenten. Dass die Baumeister aus Vorarlberg stammen bzw. ihren familiären Ursprung im Bregenzerwald haben, wird zwar stets erwähnt und im Land sind die Namen Wilhelm, Beer, Thumb, Kuen oder Moosbrugger in diesem Zusammenhang geläufig, der Themenkomplex selbst ist aber bislang nicht seiner Bedeutung entsprechend präsent. Das soll sich nun ändern. Der Aufbau von ständig zugänglichen Sammlungen zu den Barockbaumeistern in Au und Bezau zählt zu den Schwerpunktinitiativen im Jahr 2021. Forschungsprojekte sowie EU-weite Vernetzungen zählen zum Konzept.
Die beiden Kunsthistoriker Kathleen und Rudolf Sagmeister haben dazu ein Grundsatzpapier erstellt, das die Historie sowie die Relevanz der Thematik bis in die Gegenwart verdeutlicht. Ihre Forschungsarbeit begann bereits im Zuge der Ausstellung „Holzbaukunst. Tradition und Zukunft in Vorarlberg“, die im Rahmen der Europalia im Jahr 1987 im belgischen Tournai erstmals gezeigt wurde, danach auf Tour ging und mit den Erzählungen von der Verwendung des Holzes vor Hunderten von Jahren und vom wiederentdeckten Werkstoff in der zeitgenössischen Architektur beispielsweise in Berlin über 100.000 Besucher anzog.
Fähigkeiten der Zimmerleute
Gerade weil die Barockbaukunst in erster Linie gerne mit den Gebäudefassaden, der Innenausstattung oder Stuckarbeiten in Verbindung gebracht wird, legt Rudolf Sagmeister Wert auf die Darstellung der Fähigkeiten der damaligen Zimmerleute. Es waren Wanderarbeiter, die einst ihre Heimatorte verließen und aufgrund ihres Könnens Bauleiter, Unternehmer und schließlich Architekten wurden. Vom 1595 in Bezau geborenen Johann Wilhelm stammt das Standardwerk „Architectura civilis“, das vor einigen Monaten auch in der Fundstücke-Serie der Vorarlberger Nachrichten vorgestellt wurde. Thematisiert werden darin vor allem die verschiedenen Dachstühle, Treppen und Brücken, deren Tragfähigkeit und Raffinesse das Um und Auf für die Architektur bildeten.
Zurück zum Holz
Die Ingenieurskunst verbinde man mit Stein und Stahl und viel zu wenig mit dem Holz, bemerkt Sagmeister. Gerade der ausgebrannte Dachstuhl von Notre Dame in Paris hat wieder in Erinnerung gerufen, dass die Zimmerleute damals die Ingenieure waren.
Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Auer Zunft im gleichnamigen Ort im Bregenzerwald gegründet, sie bestand bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Geschult wurden die Zunftmitglieder auf Basis der „Auer Lehrgänge“. Diese Musterbücher sind Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden und später verloren gegangen. Ein Band wurde vor rund 70 Jahren in einem Haus in Schoppernau gefunden, ein anderer in Au. Die Bände beinhalten die Perspektiven- und Formenlehre, die sich unter anderem an den Arbeiten italienischer Meister orientierte, Musterzeichnungen, Baupläne und Grundrisse. Vor nahezu 15 Jahren war ihnen eine Ausstellung im Landesmuseum gewidmet, die auch die familiären Zusammenhänge aufzeigte, die mitunter bei jenen zu Kritik führten, die der Meinung waren, dass die Barockbaumeister eher zu den Fortschrittsverweigerern zählten und darin die Gründe sahen.
Frauen leiteten den Hof
Das Zunft- und Wanderarbeiterwesen enthält viele Aspekte. Interessant ist auch die Tatsache, dass sie den weiblichen Familienmitgliedern eine gewisse Selbstständigkeit ermöglichte. Während sich die Männer über Monate in Deutschland oder auch in Frankreich aufhielten, bewirtschafteten die Frauen die Höfe und erwarben sich, wie Briefe beweisen, Entscheidungskompetenzen. Das Thema Barock- und Holzbaukunst ist vielfältig. 2021 soll mit Ausstellungsprojekten in Au gestartet werden.
Eine besondere Kulturleistung im Bodenseeraum wird verdeutlicht.