Die Umarmungen fehlen mir einfach!

Ein Amazone-Skype-Treffen in Zeiten von Corona. Aufgezeichnet kurz vor den Lockerungen vom 1. Mai 2020.
Bregenz Mädchen* und junge Frauen* kommen in der derzeitigen Debatte zum Umgang mit der Coronakrise selten zu Wort. Vier von ihnen und Besucherinnen des Mädchenzentrums in Bregenz oder arbeiten mit dem Verein Amazone im Rahmen von Projekten zusammen. Seit Wochen treffen sich AmazoneMitarbeiterinnen das erste Mal wieder mit den jungen Frauen, die ihnen Einblicke in ihren Alltag geben, ihre Sorgen und Lichtblicke der Coronazeit erzählen. Das Treffen fand aus diversen Gründen via Skype statt: Grenzen dicht, Kontaktverbot, Amazone geschlossen und zum Teil sehr lange Arbeitstage.
Theresia ist 23 Jahre alt. Sie wohnt in Lauterach und arbeitet für einen Paketlieferservice. Die 17-jährige Anna ist Schülerin. Anna lebt mit ihren Eltern in Bizau. Bianca, 22, lebt in Bregenz und hat derzeit einen befristeten Job in einem Supermarkt. Deborah, 23 Jahre alt, macht ein Praktikum im Schauspielhaus in Zürich. Dort lebt sie derzeit auch in einer WG.
It’s Corona Time! Wie wirkt sich das Virus auf euren Alltag aus?
Anna Meine Struktur hat sich von einem Tag auf den anderen komplett geändert! Ich gehe in die siebte Klasse, und am Anfang war das E-Learning sehr unübersichtlich – mittlerweile ist alles etwas organisierter. Wir Schüler*innen waren noch nie so auf uns alleine gestellt. Diese Art zu lernen braucht viel Motivation und Eigenverantwortung. Sich hinsetzen und selber reinhauen ist schwierig. Meine Motivation war irgendwann einfach nicht mehr da. Aber ich male jetzt viel und gehe oft spazieren. Das ist der Vorteil, wenn man im Bregenzerwald lebt: Man ist von Natur umgeben.
Bianca Mein Leben hat sich schon vor Corona sehr verändert. Ich war in einer Klinik und musste wegen Corona früher zurück nach Hause. Am Anfang hatte ich keinen strukturierten Tagesablauf und bin nur rumgesessen. Das hat mich gestresst, also habe ich im Einzelhandel einen Job gesucht und sofort ein Vorstellungsgespräch und einen Arbeitsvertrag bekommen.
Deborah Als das mit Corona so richtig losging, war ich erkältet – viele meinten, ich hätte Corona, aber es war wirklich nur Schnupfen. Und ich hätte terminlich nach Österreich müssen, aber dann waren die Grenzen dicht. Ich bin seither in der Schweiz in meiner WG. Viel zu tun habe ich zurzeit nicht bei meinem Praktikum in Zürich. Es fühlt sich im Moment an wie Ferien, nur dass ich keine Menschen treffe. Pro Woche habe ich vielleicht zwei, drei Zoom-Meetings, die restliche Zeit besteht aus Selbstbeschäftigung. Natürlich gehe ich raus zum Einkaufen und zum Spazieren.
Theresia Ich bin beruflich gerade sehr viel unterwegs, denn ich arbeite bei einem Paketdienst, und das bedeutet im Moment viel Stress – vorweihnachtliche Verhältnisse sozusagen! Feierabend und Wochenenden sind jetzt komplett verändert. Eigentlich bin ich eine Nachteule und gehe gerne unter Menschen. Die Ausgangsbeschränkungen waren am Anfang für mich nur sehr schwer zu akzeptieren. Keine Freund*innen zu treffen, ist hart. Jetzt bin ich halt bieder, koche viel und lese Bücher.
Die derzeitige Situation ist für alle nicht immer einfach. Was fehlt euch?
Theresia Mir fehlt meine sechsjährige Nichte ganz unglaublich. Sie ist sehr strikt mit den Corona-Maßnahmen und will meine Eltern und mich nicht besuchen – und das obwohl ihre Oma und ihr Opa noch gar nicht so alt sind. Einen ganzen Monat lang habe ich sie gar nicht gesehen. Als sie dann schließlich doch zu uns in den Garten kam, sagte sie: „Tante, ich muss dich jetzt einfach umarmen!“ Umarmungen fehlen mir generell sehr.
Bianca Die sozialen Kontakte fehlen mir auch. Aber ich bin es gewohnt, weil ich mich im letzten Jahr aus unterschiedlichen Gründen schon selbst isoliert hatte. Jetzt hätte ich wieder meine Freiheit bekommen, und nun werde ich erneut eingeschränkt – durch Corona.
Anna Ich bin eine sehr soziale Person und mag es nicht, alleine zu sein. Mir fehlen Veranstaltungen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Ich verorte mich links-aktivistisch, bin Feministin und bei Fridays for Future aktiv. Meinen Aktivismus kann ich derzeit ausschließlich online machen, und ich bin gezwungen, eher passiv zu sein. Das ist unglaublich schade, denn gerade jetzt finde ich so viele Fehler im System! Niemand redet mehr über die Klimakrise. So viele Sachen gehen in den Medien unter, wie die Probleme der muslimischen Minderheiten in China oder die der geflüchteten Menschen.
Was macht euch Sorgen?
Anna Am meisten sorge ich mich um Dinge, von denen ich gar nicht direkt betroffen bin, um andere Leute, denen es in dieser Situation nicht gut geht, die in unterprivilegierten Gegenden und Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem leben. Ich verfolge die Nachrichten und interessiere mich für Politik. Aber ich fühle mich von politischer Seite nicht gut vertreten. Wir Jugendlichen werden oft so dargestellt, als würden wir nur Partys machen oder uns nicht an geltende Regeln halten. Unsere Generation wird oft als verantwortungslos hingestellt. Auch schulisch bin ich nicht gut vertreten. Wir Schüler*innen werden in keine Debatten eingebunden. Wir haben eine Bundesschulsprecherin, die ein Statement abgibt, ohne sich mit den betroffenen Schüler*innen zu unterhalten. Sie hat ihr Wort als unser Wort verkauft – das ist schade, auch weil die Maturant*innenstimmen dadurch überhört wurden. Ich bin froh, dass ich heuer noch keine Matura mache!
Deborah Ich bin informiert, aber ich will keine Panikmache. Angst habe ich davor, dass alle nach der Krise so weitermachen, als ob nichts war. Sorgen mache ich mir um die Flüchtlinge an der türkischen Grenze. Können die Maßnahmen dort genauso angewendet werden und funktioniert’s überhaupt? Wir sind hier sehr privilegiert. Ich zum Beispiel bekomme mein Geld und muss mich nicht sorgen. Freiberuflich arbeitende Menschen haben‘s im Moment krass. Ihr Geld ist knapp und die Unsicherheit ist groß. Auch denke ich ans Pflegepersonal. Sie arbeiten noch mehr und bekommen den gleichen Lohn. Das ist eine Frechheit. Auch dass Schüler*innen, die Matura haben, nicht in die Prozesse miteinbezogen wurden, regt mich auf. Es zeigt wieder mal, wie es meistens läuft: Einige Erwachsene bestimmen und die Betroffenen können nicht mitreden.
Bianca Ich mache mir Sorgen, dass wir nie mehr in die Normalität finden, dass Menschen in Panik und Depression verfallen. Ich habe Angst vor dem, was noch alles kommt, aber hoffe einfach, dass es besser wird.
Theresia Ich möchte derzeit nicht mehr so viele Nachrichten konsumieren. Informieren tu ich mich direkt bei Menschen, die in andern Ländern leben. Ich frag bei ihnen nach, wie die Situation ist und mache mir um viele Menschen wirklich Sorgen. Ich frage mich, wie sie das alles überstehen sollen. Viele in meiner Umgebung haben am ersten Tag der Maßnahmen ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit. Auf die Kinder wurde gar nicht geschaut. Sie sind zu Homeschooling verdammt, und bei den Kindergartenkindern ist es wirklich schlimm. Kinder möchten raus in die Welt! Ich denke aber auch an die Eltern ohne Betreuungsmöglichkeiten. Ich denke, bei vielen Familien wird sich etwas tun durch die Coronakrise. Viele Männer können sich mehr Zeit nehmen und sehen, wie der Alltag mit Kindern ist.
Gibt es Positives an der Situation?
Bianca Natürlich! Ich finde, die Leute achten jetzt mehr aufeinander. Das beobachte ich bei meinem Job im Einzelhandel. Obwohl: Mir fällt auch auf, dass männliche Kunden launischer und gestresster sind. Die Frauen* wirken auf mich gelassener. Wenn ich frei habe, bin ich viel draußen, das hat sich seit Corona wirklich positiv entwickelt. Ich habe die Freude am Wandern entdeckt, vergesse dabei den Stress und kann die Natur genießen. Das ist schön.
Deborah Ich lerne gerade telefonieren, denn eigentlich mache ich das nicht so gerne. Ich rufe nun öfters meine Mitmenschen und meine Familie in Gambia und Sierra Leone an. Für mich ist der Druck von gezwungener Produktivität einfach unsinnig. Ich bin gerne manchmal faul… Viel essen tu ich auch (haha). Ist auch okay, find ich.
Anna Ich finde den Zusammenhalt spürbar und wichtig.
Theresia Und die Solidarität!
Deborah Ach ja, noch etwas sehr Positives ist, dass jetzt viele Konzerte streambar sind, die ich mir sonst nicht hätte anschauen können!




