Kämpfer mit Herz

Vache Adamyan müht sich auf der Matte für Österreich ab.
Schwarzach 28. Oktober 2008. Diese Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, wenn man Vache Adamyan (20) fragt, wann er mit Judo begonnen hat. Wenn Vache über seine Sportart spricht, verändert sich seine Körpersprache. Der ansonsten ruhige junge Mann wird lebhaft und macht seine Begeisterung für den Sport durch ausufernde Handbewegungen deutlich. Doch eigentlich hat alles schon viel früher begonnen: Vache kommt aus einer sportlichen Familie, bereits sein Urgroßvater, sein Großvater und auch sein Vater waren begeisterte Ringer und Judokas. „Das wurde mir in die Wiege gelegt, wenn ich Interesse für Fußball entwickelt hätte, wäre das wohl nicht gut angekommen“, erzählt er lachend. Sein Vater hat viele Jahre als Trainer für die armenische Nationalmannschaft gearbeitet, seine beiden jüngeren Schwestern sind im Vorarlberg-Kader für Judo. Er schätzt an dem Sport, dass er auf Gleichberechtigung der Geschlechter beruht.
In Österreich Fuß fassen
Aufgewachsen ist der 20-Jährige in Spitak, Armenien. Die erste Klasse Volksschule besuchte er noch dort, dann kam er mit seiner Familie aus politischen Gründen nach Österreich und absolvierte seine Schulbildung in Vorarlberg. Dass er sich rasch integriert, die Sprache lernt und in Österreich Fuß fasst, war ihm sehr wichtig. Auch das hat er von seinem Vater gelernt, dieser gibt regelmäßig Sportkurse für Flüchtlinge. „Durch den Sport integriert man sich in die Gesellschaft. Was ich daran liebe, ist, dass man auch gegen seinen besten Freund kämpfen kann. Die Rivalität findet nur während des Kampfs statt und nicht außerhalb der Matte.“ Mittlerweile hat Vache die Doppelstaatsbürgerschaft und kämpft für das österreichische Nationalteam. Vom armenischen Nationalteam hat er Anfragen erhalten, sie wollten ihn auch in ihren Reihen wissen. Aber für den Judoka war von Anfang an klar: Wenn er in Vorarlberg trainiert und von Vorarlberg unterstützt wird, kämpft er auch für das österreichische Nationalteam. Da er sich in der letzten Zeit mit Verletzungen herumschlagen musste und länger an Rückenbeschwerden gelitten hat, war die coronabedingte Pause für ihn nicht ganz so schlimm.
Sozialer Sportler
Zu seinem Geburtsland hat Vache trotzdem noch eine starke Verbindung, viele seiner Verwandten wohnen dort. Er hat gesehen, wie Häuser bombardiert wurden, wie sich Menschen in Kellern verstecken und kennt verschiedene Flüchtlingslager. Er nutzt seine Reichweite als Sportler, um diesen Menschen helfen zu können. Über soziale Netzwerke und Freunde hat er eine Spendenaktion organisiert, Menschen haben ihm Sachspenden wie Kleidung oder Spielzeug gebracht und er hat alles nach Armenien geschickt. Auch wenn es einen großer Aufwand für ihn persönlich darstellte, ist er auf das Ergebnis sehr stolz. „Mein Tagesablauf sah so aus: morgens in die Arbeit, um 15 Uhr zum Judo-Training, Spenden bei verschiedenen Leuten abgeholt und diese dann in einer Lagerhalle sortiert, oft bis 5 Uhr morgens. Meine Eltern haben mir dabei immer tatkräftig geholfen“, erzählt Vache. Er will in Zukunft weitere soziale Projekte starten, auch für Menschen in Österreich. Im Herbst 2020 wurde er für dieses Projekt für die Auszeichnung „Sportler mit Herz“ nominiert, der Sieg blieb ihm aber knapp verwehrt. „Die Gewinnerin hat 12.800 Stimmen erhalten, und ich hatte 12.500 Stimmen.“
Ziel Olympia
Über das Olympiazentrum hat Vache eine Lehre als Verwaltungsassistent beim Amt der Vorarlberger Landesregierung begonnen. Diese ist zwischenzeitlich abgeschlossen und er arbeitet in der Sanitätsabteilung. Die schulische Laufbahn neben dem Sport war nicht immer leicht für ihn, aber seine eiserne Disziplin und vor allem auch das Verständnis der Lehrer haben ihm geholfen. „Ich hatte in der Berufsschule zum Glück einen Lehrer, der selbst Sportler war und verstanden hat, dass es oft Tage gibt, an denen ich zu Wettkämpfen fahren musste.“ Auch wenn Vache erst 20 Jahre alt ist, wirkt er sehr gefestigt, seine Erfahrungen haben ihn geprägt. Er hat schon viele Medaillen gewonnen, abgehoben ist er deswegen aber nie und ein Ziel hat er stets vor Augen: „An der nächsten Olympiade 2024 in Paris teilzunehmen, das ist mein größter Traum.“ VN-SUB
Zur Person
Vache Adamyan
Geboren 22. Februar 2001
Wohnort Bregenz
Gewichtsklasse Judo bis 60 kg