“Ich will keine Gschiednase sein”

Firmengruppe mit Sitz in Dornbirn ist einziges Fair-Wear-Mitglied Österreichs. Die Textilprodukte sollen aber nicht mit erhobenem Zeigefinger verkauft werden.
Dornbirn Der Dornbirner Heimtextilspezialist Stefan Grabher ist einen großen Teil seiner Arbeitszeit auf Achse – in China, der Türkei und weiteren Ländern, vor allem in Asien. Dort wird hergestellt, was die Firmen der Gruppe, Mary Rose in Dornbirn, Tyrler in Innsbruck sowie das Großhandelsunternehmen Paptex, im Sortiment haben. Verkauft wird das Sortiment auch online sowie in Möbelhäusern und Fachgeschäften europaweit unter den eigenen Labels oder unter Kundenmarken. Und das mit gutem Gewissen. Denn das Unternehmen ist Österreichs einziges Fair-Wear-Mitglied und der einzige Heimtextilanbieter weltweit in der Branchenvereinigung.

Damit hat sich Grabher eine ganze Reihe von Aufgaben eingehandelt, wie er im Gespräch aus Anlass der “Fashion Revolution Week”, die an diesem Mittwoch startet und bis nächsten Mittwoch bei Mary Rose in Dornbirn dauert, erzählt. Denn die hohen Anforderungen zu erfüllen, sei alles andere als einfach. “Wir haben eine Mitarbeiterin, die sich nur darum kümmert, und ich bin als Geschäftsführer pro Woche auch mindestens vier Stunden damit beschäftigt.” Er und sein Unternehmen sind seit Jahrzehnten Vorreiter in Sachen ganzheitlicher Nachhaltigkeit in einer Branche, die immer wieder in Kritik gerät, sowohl was Arbeitsbedingungen als auch Produktionsweise betrifft.
“Nicht besserwisserisch”
Dennoch: Mit dem erhobenen Zeigefinger habe er nichts am Hut, betont er. Im Gegenteil: “Ich will keine Gschiednase sein”, sagt Grabher und präzisiert – er wolle auch nicht dogmatisch und besserwisserisch auf Konsumenten einwirken, “das ist nicht positiv” und das sei gar nicht im Sinne seines Unternehmens. Er und seine rund 30 Mitarbeitenden machen ein Angebot und das könne man annehmen oder auch nicht. “Wir wollen mit Engagement und nicht mit Belehrung überzeugen.”
Grabher will das ganze Thema auf einem Niveau behandelt wissen, das geprägt ist von “mehr Vernunft und weniger Aufregung”. Ideologisch geprägte Diskussionen seien für die Sache nicht zielführend, das führe nur dazu, dass viele Menschen von Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft nichts mehr hören können. Grabher betont außerdem, dass er natürlich marktwirtschaftlich denke, was schließlich allen Teilnehmenden im Kreislauf diene – den Mitarbeitenden in den produzierenden Betrieben, den Unternehmern in den Ursprungsländern ebenso wie dem Handel.

Dafür gehe man bei Fair Wear hohe Verpflichtungen ein. “Wir sind da wie Arbeitsinspektoren, die dafür verantwortlich sind, dass alles in Ordnung ist”, schildert Grabher die Regeln. “Wir sind in ständigem Kontakt mit den Mitarbeitenden in der Produktion”, erklärt er, “und wissen genau von jedem Mitarbeitenden, wie viel er arbeitet, ob er zu viele Überstunden macht und ob der Arbeitsplatz in Ordnung ist – und nicht zuletzt, ob der Lohn zum Leben reicht.” Ein strenger “Brand Performance Check” alle zwei Jahre ergänzt das Programm.
“Gleiche Spielregeln”
Der Dornbirner hält deshalb nichts davon, Wirtschaftsbereiche gegeneinander auszuspielen, auch nicht die verschiedenen Herstellungsländer: Unmenschliche Arbeitsbedingungen könne es genauso in Europa geben, fordert er eine differenzierte Sichtweise. Was Grabher weiter und vehement fordert, ist Fairness in allen Bereichen: “Es braucht gleiche Spielregeln für alle Marktteilnehmer am Weltmarkt – beim Zoll wie bei Sicherheitskriterien”, so Grabher. Sei das nicht gewährleistet, führe das alle Regelungen z. B. in der EU ad absurdum. Bei der Fashion Revolution Week werden er und seine Mitarbeitenden persönlich darüber informieren. Er hoffe, dass das viele Menschen tun, sagt er abschließend.