Die Gesprächsbegleiterin

Mediatorin Anita Lingg-Wohlgenannt hilft bei der Konfliktlösung.
Dornbirn Mit Mediation kam Anita Lingg-Wohlgenannt (65) bereits als Schülerin in Berührung. Ihre Gastmutter während ihres Austauschjahres in den USA war Mediatorin. „Das hat mich fasziniert, weil es in der Mediation darum geht, nicht zu urteilen und nicht zu werten, sondern neutral zu sein.“
Nach dem Studium und der Geburt ihrer Kinder folgte vor 18 Jahren der Weg in die Selbstständigkeit. „Streiten ist in unserer Gesellschaft ein Tabu“, sagt sie. Dabei sei Streit etwas Positives. „Dadurch sagt man sich auf konstruktive Art und Weise, wie es einem geht.“
Aber streiten will gelernt sein. Sei es in der Familie, als Paar oder im Beruf. „Das Ziel ist, dass man mit seinem Gegenüber so respektvoll umgeht, dass man auch bei Problemen nicht wegsieht, sondern sich die Zeit und die Energie nimmt, die Dinge zu besprechen“, sagt die Mediatorin, die eine Praxis in Dornbirn betreibt und zugleich Sprecherin der Vorarlberger Mediatoren ist.
Streitmuster aufbrechen
Streitmuster seien allgegenwärtig. „Manche fliehen aus der Situation, manche flippen aus“, gibt sie ein Beispiel. Auch würden in Beziehungen viele Dinge oft unausgesprochen bleiben. Schwer belastend seien immer Seitensprünge, weil das mit Lügen und Kränkung einhergehe. Auch hier gelte es neutral zu sein. „Das ist der Unterschied zwischen einem Mediator und einer Freundin. Meine Aufgabe ist es, beide Seiten zu sehen“, betont Lingg-Wohlgenannt. Ihre eigene Rolle sei dabei jene der Gesprächsbegleiterin.
Gehe ein Konflikt erst einmal vor Gericht, würden andere Personen entscheiden. Durch Mediation könne man das vermeiden. Vorausgesetzt man sei bereit, an sich zu arbeiten. Oft würden schon dabei kleine Rituale helfen.
Als Paar unbedingt zusammenzubleiben, sei am Ende aber nicht immer das Entscheidende. Eine Trennung sei per se noch keine Katastrophe und es gebe duchaus Fälle, bei denen es fürs Lebens konstruktiver sei, wenn man getrennte Wege gehe. Wichtig sei nur der respektvolle Umgang. „Wenn man es trotz Trennung schafft, normal miteinander zu reden, weil die Altlasten aufgearbeitet sind, dann ist das auch zum Wohle der Kinder“, sagt Lingg-Wohlgenannt. Sie sollen aus einer Trennung so wenig Schaden wie möglich ziehen.
Corona beeinflusst
Corona wirke nun wie ein Brennglas, das aufdeckt, wie es wirklich um Beziehungen bestellt ist. „Gute Beziehungen wachsen noch mehr zusammen, bei schlechten Beziehungen eskaliert es oft noch mehr, weil die Ablenkung fehlt“, erzählt die Mediatorin.
Generell gelte, je früher, desto besser. Denn leider kämen die meisten erst, wenn die Situation schon sehr verfahren sei. Das betreffe nicht nur Paarbeziehungen, sondern auch Erb- oder Nachbarschaftsstreits sowie berufliche Konflikte. Auch beobachtet sie einen Generationsunterschied. „Für die ältere Generation heißt das Ziel oft durchzuhalten, während die Jüngeren einen höheren Anspruch an ihr Beziehungsglück haben und sich nicht mehr so aufopfern.“ Das heiße aber nicht, dass sich ältere Paare nicht trennen. „Angesichts der steigenden Lebenserwartung hat man als 60-Jähriger noch 30 Jahre vor sich. Das gibt vielen eine andere Perspektive.“ Auch würde Paaren vermehrt von ihren Kindern zur Mediation geraten. „Für sie ist es eine Belastung, wenn Eltern nicht respektvoll miteinander umgehen.“
Das Schönste an ihrer Arbeit ist für Anita Lingg-Wohlgenannt, die ihren Ausgleich in der Natur, beim Yoga oder beim Meditieren findet, übrigens das Ende. „Denn das Ende ist immer gut. Wenn man dranbleibt, ist die Beziehung in der Regel besser als zuvor.“ VN-reh
Zur Person
Anita Lingg-Wohlgenannt
ist eingetragene Mediatorin mit Praxis in Dornbirn und Sprecherin der Vorarlberger Mediatoren
Geboren 12.10.1955
Ausbildung Studium Wirtschaft und Psychologie, Ausbildung zur eingetragenen Mediatorin
Laufbahn seit 18 Jahren selbstständig mit eigener Praxis
Familie verheiratet, vier Kinder