Beobachter des Alltags

Wetter / 23.06.2020 • 18:48 Uhr
Künstler Michael Mittermayer in seinem Atelier in Bings. BI
Künstler Michael Mittermayer in seinem Atelier in Bings. BI

Der Bingser Michael Mittermayer ist freischaffender Künstler.

Bludenz „Brauchen“ ist der Titel der ersten virtuellen Mitgliederausstellung der Berufsvereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Vorarlbergs. Auch der Bingser Michael Mittermayer hat sich an dieser Ausstellung beteiligt. Ein von ihm bearbeitetes Foto stellt einen zusammenbrechenden Stall im Schnee dar. Das Bild ist eine Metapher für den Künstler: „Was brauchen wir wirklich? Und was brauchen wir in einem politischen Sinn? Wie kann aktuell ein System durch ein kleines Virus zusammenbrechen? Für mich ist der Stall, der nicht mehr gebraucht wird, eine Analogie zu den gesellschaftlichen Verhältnissen.“

Kleinformatige Arbeiten

Das Interesse an sozialen Themenstellungen steht in seinen Werken im Vordergrund. Er ist ein Beobachter des Alltags, der kleinen Dinge, der kaum sichtbaren, aber doch bedeutungsvollen Veränderungen. „Es ist mein Privileg als Künstler, Dinge aus einem Blickwinkel betrachten zu können und durch meine spezifische Wahrnehmung eine thematisch neue Form als Ausdrucksmöglichkeit zu finden – die wiederum beim Rezipienten eine neue Sichtweise erzeugt“, erläutert der gelernte Siebdrucker seine Zugangsweise zur Kunst. Seine Arbeiten sind meist kleinformatig, es sind die Details, die im Fokus stehen: „Der Betrachter muss sich auf das kleine Format einlassen, es ist viel dichter, viel konzentrierter. Details bilden die Summe eines Ganzen.“ Er arbeitet mit Papier, Bunt- und Bleistiften und setzt somit bewusst so wenig Mittel wie möglich ein. Je nach Arbeit entscheidet sich Mittermayer für eine Materialität: „Manchmal überarbeite ich ganze Buchseiten. Ich verwende Material, das sich mehr oder weniger am Rande befindet. Meine Hauptthemen sind Wahrnehmen, Erinnern, Sammeln und Vergessen. Ich betrachte diese Themen aus einer Meta-Ebene und wandle sie in künstlerische Werke um. Literatur, aber auch Buchstaben, spielen für mich eine große Rolle.“

Lieblingsfach

Gezeichnet habe er als Kind immer schon gern. Bildnerische Erziehung war sein Lieblingsfach: „Ich hatte das Glück, immer Künstler in diesem Fach als Lehrer zu haben, das hat mich sehr geprägt. Im Gymnasium waren sozusagen meine ersten Ausstellungen, denn die klassenbesten Zeichnungen wurden aufgehängt – und zu diesen zählten meine Arbeiten.“ Nach einigen beruflichen Erfahrungen in diversen Werbeagenturen erfolgte Anfang der 1990er-Jahre die Einladung durch Ingo Springenschmid für eine Ausstellung in der Galerie AllerArt. Diese Ausstellungsbeteiligung bildete einen Wendepunkt: „Ich habe mich damals entschieden, als freischaffender Künstler tätig zu sein. Finanziell bedeutete dies zwar eher einen Schritt rückwärts.

Aber auch im Rückblick gesehen war diese Entscheidung für meine künstlerische Arbeit notwendig und gut.“ Seine eigenwillige, sehr originelle Thematisierung von gesellschaftspolitischen Themen in seinen Arbeiten erfuhr nicht nur in internationalen Ausstellungen Anerkennung, gleich drei Arbeiten wurden bereits vom Land Vorarlberg angekauft, weitere zwei Werke wurden im Rahmen des Hypo Kunstpreises von den Veranstaltern erworben.

Garten als Inspirationsquelle

Viel Rückendeckung und Unterstützung in der Umsetzung seiner Projekte erfuhr er durch seine Ehefrau Martina Lehner – auch jetzt im Zuge der Maßnahmen in der Covid19-Krise, die für alle Künstler eine enorme Belastung darstellt. Das Atelier des Künstlers befindet sich in seinem Wohnhaus mit wunderschönem Garten, der ihm auch als Inspirationsquelle dient: „Das Wachsen der Pflanzen in meinem Garten dient für mich auch als Allegorie. Es entstehen automatisch Assoziationsketten zu der Gesellschaft, in der wir leben.“ BI

Zur Person

MICHAEL MITTERMAYER

Geboren 19. August 1961

Familie verheiratet mit Martina Lehner

Wohnort Bings

Beruf Freischaffender Künstler