“Ich bin die Beschenkte”

Mit 70 begann sie, Gäste durch die Propstei zu führen. Inzwischen kann sie auf 1000 Führungen zurückblicken.
St. Gerold. (VN-kum) Die St. Gerolder waren neugierig auf sie, die Fremde. “Ich bin von allen beäugt worden”, erinnert sich Luzia Dünser an die ersten Wochen in St. Gerold. Sie, die Nenzingerin, hatte 1962 einen Bauern aus St. Gerold geheiratet. “Die anderen Landwirte hatten alle Walserinnen und keine vom Land unten zur Frau.” Anfangs kannte Luzia in dem Ort nur eine Handvoll Menschen. Das änderte sich aber schnell, als sie die örtliche Bibelrunde regelmäßig besuchte. Das trug dazu bei, dass man sie schnell in die Dorfgemeinschaft aufnahm.
Zwillinge starben
Arbeit bestimmte über viele Jahre ihr Leben. Sie half ihrem Mann in der Landwirtschaft, betreute zu Hause auf dem Hof die Gäste und zog vier Kinder groß. Schicksalsschläge überwand sie dank ihrer starken Verankerung im Glauben. Als ihre zu früh geborenen Zwillinge starben, nahm sie dies als Gottes Willen hin: “Er wollte diese Engel.” Ein Jahr später brachte sie erneut Zwillinge zur Welt. “Ich hatte ein gutes Gefühl und war mir sicher, dass Gott mir diese nicht nehmen würde.” Als die Kinder größer waren, begann sie sich für die Frauen in der Gemeinde zu engagieren. “Ich habe verschiedene Kurse organisiert, wie Bastel-, Flecht- und Krankenpflegekurse.” Sie begründete den Frauenbund mit und setzte sich als Ortsbäuerin für ihresgleichen ein. “Es war mir immer ein Anliegen, dass Frauen auch eine Stimme haben.” Auch für die Kirche brachte Luzia viel Engagement auf. Wie andere Frauen aus dem Dorf half sie beim Kirchenputz und beim Unkrautjäten am Friedhof. Pater Nathanael, den sie seit den Bibelrunden kannte, stand bei ihr von Anfang an hoch im Kurs. “Er ließ uns Frauen Lesungen halten. Ich durfte sogar das Evangelium lesen.”
Viele Jahre später, im Jahr 2003, wurde ihr eine weitere Ehre zuteil. “Ich wurde gefragt, ob ich Gruppen und Hausgäste durch die Propstei führen möchte.” Die damals 70-Jährige sagte zu, “weil es mich reizte und ich mich der Propstei sehr verbunden fühle”. Außerdem hatte sie Zeit: “Mein Mann war tot und die Enkel brauchten keinen Babysitter mehr.”
Inzwischen hat sie bereits 1000 Führungen gemacht. Die Gäste sind begeistert von Luzias humorvollen Ausführungen und ihren spannenden Geschichten zur Propstei und zu den Kunstwerken. Schilderungen von Erlebnissen mit den Gästen in den vergangenen 13 Jahren geben ihren Führungen zusätzliche Würze.
Einmal führte sie gehandicapte Bewohner vom Sunnahof durch die Anlage. “Am Friedhof sagte ich zu ihnen: ,Der liebe Gott fragt nicht, ob ihr am Sunnahof arbeitet oder Matura habt.’ Da nickten alle”, erinnert sich die 83-Jährige lächelnd. Die Führungen machen Luzia viel Freude. “Ich fühle mich beschenkt, wenn ich sehe, wie die Menschen mitgehen.”
Es war mir ein Anliegen, dass Frauen auch eine Stimme haben.
Luzia Dünser
Zur Person
Luzia Dünser
macht seit 13 Jahren Führungen durch die Propstei. Für alle, die sie live erleben möchten: Reservierung unter Tel. 05550/2121
Geboren: 25. November 1933
Familie: verwitwet, vier Kinder
Hobbys: Führungen, Filzen, Lesen