“Wollen nicht Ischgl sein”

Die St. Gallenkirchner wählten den jungen Josef Lechthaler (27) zum Bürgermeister.
St. gallenkirch. (VN-kum) Josef Lechthaler lernte früh Verantwortung zu übernehmen. Denn er hat einen Bruder, der geistig behindert ist. „Wenn die Eltern nicht da waren, mussten ich oder meine drei anderen Geschwister auf ihn aufpassen. Wir konnten ihn nicht allein lassen“. Der behinderte Bruder schweißte die Familie zusammen. „Wir mussten alle zusammenhelfen.“ Es war nicht immer einfach mit dem gehandikapten Kind.
Mit Begeisterung Musiker
Aber die Musik verdrängte das Schwere im Dasein der Familie Lechthaler. „Mein Vater und meine Geschwister waren bei der Bürgermusik St. Gallenkirch. Und ich bin ihr mit 12 Jahren beigetreten. Da ging ein Traum für mich in Erfüllung.“ Schon mit acht Jahren lernte Josef Posaune an der Musikschule Schruns. „Später hab’ ich mir das Tuba-Spielen selber beigebracht.“ Die Musik hat immer einen großen Raum in seinem Leben eingenommen. „Für sie hab’ ich alles gegeben.“
Er musizierte aber nicht nur, er übernahm auch Verantwortung bei der Bürgermusik. „Mit 16 hab’ ich den Musikball organisiert.“ Mit 19 wurde er Vizeobmann des Vereins, mit 20 stand er bereits an der Spitze der Bürgermusik. Dass das Bezirksmusikfest im Jahre 2013 erfolgreich über die Bühne ging, war unter anderem sein Verdienst.
Obwohl er noch jung ist, scheut er die Verantwortung nicht. Als Maschinenbauer ist Lechthaler dafür verantwortlich, dass die Maschinen beim Vermuntwerk funktionieren. Der St. Gallenkirchner, der es in seinem Beruf bis zum Meister gebracht hat, arbeitet bei den Illwerken.
Seit 2010 engagiert sich der junge Mann politisch. „Der damalige SPÖ-Bürgermeister Arno Salzmann fragte mich, ob ich ihn unterstütze.“ Lechthaler musste nicht lange überlegen. Denn: „Ich wollte mich auch für die Gemeinde einsetzen. Ich sah eine gute Möglichkeit zum Mitgestalten.“ Bald saß er nicht nur in der Gemeindevertretung, sondern auch im Gemeindevorstand. „Die Arbeit gefiel mir sehr.“
Ein Einschnitt im Leben
Als man ihn fragte, ob er nicht als Bürgermeisterkandidat ins Rennen gehen wolle, erbat er sich Bedenkzeit. „Das ist eine riesen Entscheidung und ein Einschnitt im Leben. Wenn man das macht, dann muss man es zu hundert Prozent machen.“ Er willigte schließlich ein, „weil ein Bürgermeister ein abwechslungsreiches Arbeitsgebiet hat und man Kontakt mit den Bürgern hat.“
Keine Zeit mehr für die Musik
Dass ihn die St. Gallenkirchner jetzt tatsächlich zum Gemeindechef gewählt haben, hat ihn total überrascht. „Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin überglücklich.“ Jetzt heiße es „arbeiten, arbeiten, arbeiten“. Der Neo-Bürgermeister möchte die maroden Gemeindefinanzen sanieren und darauf schauen, dass St. Gallenkirch als Lebens- und Wohngemeinde attraktiv bleibt. In Sachen Tourismus bezieht er eine eindeutige Position: „Tourismus ja, aber nicht um jeden Preis. Wir müssen Obacht geben, dass nicht alles überhand nimmt und wir nicht ein zweites
Ischgl werden.“ Der im Vorfeld der Wahlen heiß diskutierte X-Park (ein Freizeitpark) lehnt der neue Ortschef nicht prinzipiell ab. Aber: „Man sollte die Bürger dazu befragen. Eine Volksabstimmung wäre eine gute Lösung.“
Bei aller Freude über seinen neuen Job – ein Wermutstropfen bleibt: „Ich werde für die Musik keine Zeit mehr haben. Das ist hart für mich.“
Damit habe ich nicht gerechnet. Ich bin überglücklich.
Josef Lechthaler
Zur Person
Josef Lechthaler
Geboren: 4. März 1988 in Bludenz
Wohnort: St. Gallenkirch
Ausbildung: Maschinenbautechniker (Meister)
Familie: ledig, in Lebensgemeinschaft lebend
Hobbys: Musik, Skifahren, gut essen