Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kolumne: Hinter der Geschichte

Vorarlberg / 14.05.2025 • 14:22 Uhr

Hinter der Geschichte steht eine andere Geschichte, und das ist die wahre.

Eine alleinstehende Mutter mit ihrem Sohn, er war sieben Jahre alt, meldete sich für einen Besuch an. Die Gastgeber kannten sich eigentlich nicht. Es war eine Bekanntschaft aus einer Zugfahrt. Und wie das so ist, man ist gut gelaunt und bezaubert von dem kleinen Buben, der die Mitreisenden mit seinem unschuldigen Spaß zum Lachen bringt. Da ist schnell gesagt: „Besuchen Sie uns doch einmal, wenn sie in unserer Gegend sind.“

Nach zwei Wochen schon meldete sich die Mutter mit ihrem Sohn an. Man tat so, als freue man sich.

Mutter und Sohn kamen, sie waren nicht scheu. Sie hatten merkwürdige Essgewohnheiten und sagten, sie würden am Abend nie essen. Der Gastgeber, der ein einmaliger Koch war, hatte ein Züricher Geschnetzeltes gekocht, das Fleisch zerging auf der Zunge, die Soße war ein Gedicht. „Nein, keinen Hunger“, sagte der Bub. Er hatte noch Bonbons in seinem Hosensack, die die Zunge blau färbten, und die Mutter: „Nein, danke, vielleicht einen Saft.“

Die Gastgeber hatten Hunger, genierten sich aber, vor den Gästen zu essen, und so stand das gute Menü am Herd, und abwechselnd verschwanden sie in der Küche und gönnten sich heimlich einen Löffel voll.

Sie alle saßen am Tisch und tranken Saft. Der Bub kasperte und alle hörten zu.

Die Betten waren für die Nacht zurechtgemacht, für Mutter und Sohn je eines. Der Sohn wollte lieber bei seiner Mama schlafen.

Am nächsten Tag gingen die beiden nach einem Frühstück mit Saft und Haferflocken, die sie am Vorabend eingeweicht hatten, auf den Spielplatz. Der Gastgeber sagte zu seiner Frau, wir sollten uns das Züricher Geschnetzelte gönnen, bevor die zwei auftauchen.

Am dritten Tag verabschiedeten sich die beiden, der Gastgeber führte sie zum Bahnhof. Seine Frau zog die Bettwäsche ab und dabei stellte sie fest, dass das Leintuch fehlte. Sie wollte nicht kleinlich sein und sagte sich. Es ist eben nur ein Leintuch.

Sie legte sich folgende Geschichte zurecht: Der Bub hatte ins Bett gemacht, und seine Mutter hatte das Leintuch in ihren Koffer gepackt. Das rührte die Gastgeberin. Die Frau wollte ihren Sohn nicht in Verlegenheit bringen.

Eine Woche später bekamen die Gastgeber ein Mail, darin stand, dass die Frau aus Versehen das Leintuch eingepackt habe, sie bitte um Verzeihung.

Der Gastgeber öffnete eine Flasche vom guten Wein und sagte zu seiner Frau: „Wir sollten den beiden ein leichtes Leben wünschen, was meinst du?“

„Ein Leben mit wenig Problemen“, sagte seine Frau.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.