Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die kleine Dame

Vorarlberg / 23.01.2025 • 07:05 Uhr

Das ist die Geschichte von der kleinen Dame im Stützapparat. Ich traf sie in einem Hotel in den Schweizer Bergen. Sie sagte, sie sei begütert und lachte dabei ein ironisches Lachen, begütert ohne Güter zu haben, ja, eine niedliche Residenz in der Hauptstadt. Keine Rosen. Nur Räume und eine ausländische Frau, die dafür sorgt, dass alles seine Ordnung hat. Damastvorhänge in feinem Rosarot. Wie im Vatikan. Teppiche, die nach Orient riechen und leuchten. Drei Katzen, die zu verlassen für die kleine Dame ein Problem sind. Weil sie ihre Zärtlichkeit vermisst.

„Schauen Sie mir genau ins Gesicht, dann erkennen Sie meine Herkunft. Nichts Aristokratisches. Mein Vater ein Kohlenhändler, die Mutter Hebamme. Ich liebte meine Eltern nicht. Warum ich meine Eltern nicht liebte, liegt daran, dass sie ihre Liebe anderen schenkten, soweit eine Liebe überhaupt vorhanden war. Beim Vater eine verborgene. Die Mutter liebte die Neugeborenen, kurz nur, weil sie ihr ja bald entrissen wurden. Ich war ein Einzelkind, was beinahe an Vornehmheit grenzt. Alle Familien um uns hatten Dutzende Bälger. Entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber so hieß es damals. Ich war ein hübscher Balg. Blaugraue schattige Augen, die, wenn sich jemand von mir angesehen fühlte, wirkten. Sie sagten, schau mich an, ich bin ein Balg, werde aber bald keiner mehr sein. Das wusste ich mit vier Jahren. Ich stand auf dem Küchentisch und griff mit erhobenen Armen nach der Glühbirne. Der Vater hatte schwarze Hände, die nie richtig sauber wurden, auch nicht durch seifigstes Waschen. Die Mutter roch nach medizinischem Alkohol. In unserem Dorf gab es eine Familie, die von allem viel zu viel hatte, nur keine Kinder. Der Herrin des Hauses hatte ich einmal bei einer Kohlenlieferung mit meinen Augen irritiert. Mein Vater leerte Kohlen in den Keller, und ich saß bei ihr zu einer heißen Schokolade. Ich hörte, wie sie zu meinem Vater sagte, dass sie mich haben will, sie zahle gut. Wieviel, fragte mein Vater, der sich vor mir fürchtete. Er traute sich nicht, mich anzugreifen wegen seiner schmutzigen Hände. Wahrscheinlich liebte er mich hintergründig.

Ich wurde quasi verkauft und wuchs verschwenderisch auf. Ich sagte meiner Mutter, die mich zurückhaben wollte: Niemals, Mutter, wo ich bin, gehört mir ein Pferd, niemals kommt es bei dir zu einem Pferd. Also ließ man mich, wo ich war. Die Herrin starb an einem bösen Geschwür, und der Herr machte Anstalten, sich mir zu nähern. Ich sagte, mit fünfzehn, wenn Sie mich heiraten. Ich wurde die Herrin, und bei einem Ausritt im duftenden Mai warf mich mein liebes Pferd ab. Ich wurde beschädigt und in einen Stützapparat gesteckt. So, wie Sie mich hier sehen. Der Herr, der mein Mann war, starb als ich zwanzig war an einem Geschwür wie seine Frau. Ich dachte, hoffentlich ist das keine Erbschaft. Ich lebe noch und lebe gut. Mir gehören drei Katzen, die mich lieben. Das genügt.“

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.