Hab ich gefunden – 5
Diese Geschichte erzählte eine Frau und erlaubte mir, sie aufzuschreiben.
Walli kam aus dem Bad, einen Handtuchturban um den Kopf geschlungen.
„Ich bin neu geboren, Tante. Ich habe deine Zitronenlotion verwendet, durfte ich? Riech!“
Sie legte ihren Kopf an mein Gesicht.
„Wir hatten ausgemacht, dass sie ab jetzt im Wohnzimmer schläft. Sie war ja schließlich kein Kind mehr. “
„Weißt du, Tante, was ich mir gerade gewünscht habe? Bei dir zu bleiben? Dass du meine wirkliche Tante bist. Offiziell.“
Dass sie vorläufig bleiben könne, sagte ich vorsichtig. Was aus „offizieller Tante“ werden könnte, da wusste ich nicht, was ich sagen soll.
„Was kann ich jetzt anziehen?“, fragte sie. „Deine Sachen sind mir zu eng. Hast du ein großes Shirt, zum Beispiel von deinem Peter, der jetzt mein Cousin wäre? Stell dir vor, Tante“, sagte sie, in jedem Satz war das „Tante“, „als ich damals nach einem Streit mit meiner Mama von zu Hause fortgelaufen bin, war ich barfuß und in einem blauen Schulkleid. Im Kleid war eine tiefe Tasche, in die hab ich meine Faust gesteckt, und in der Faust hatte ich das Geld. Hab die Kinderfahrkarte gekauft. Barfuß bin ich im Zug gesessen. In Graz am Bahnhof kaufte ich mir eine Jause und eine Straße weiter, billige Stoffschuhe …“ – Ein kleiner Redeanfall mit wenig Information. So würde ich allmählich ihre Geschichte erfahren.
In der Nacht wachte ich auf, Walli stand in dem großen Shirt vor meine Bett und sagte: „Tante, darf ich neben dir liegen, ich hab solche Angst!“
Ohne meine Antwort abzuwarten schlüpfte sie an meine Seite. Ihre Füße waren kalt.
„Wovor hast du Angst, Walli?“, fragte ich.
Und sie, sehr leise: „Weil ich wieder weggelaufen bin und gesucht werde.“
„Wer sucht dich?“, fragte ich. „Wovon bist du weggelaufen?“
„Das sag ich dir morgen, Tante. Bitte, Tante, verrat mich nicht.“
Sie schlief unruhig und schnarchte ein paarmal laut auf.
Ich fand in meinem Kasten einen Hippierock von anno dazumal, weit hinten hing er, mit Gummizug, der könnte ihr passen, dazu ihr rotes Leibchen, frisch gewaschen und gedehnt.
„Hab ich geschnarcht, Tante?“, fragte sie. „Ich schnarche, weil ich so dick bin.“
Ich wollte ihr Geld für Anziehsachen geben. Sie sagte: „Ich brauch kein Geld, ich hab genug gespart.“
Sie ging am frühen Nachmittag, lieh sich meine Sonnenbrille aus und kam spätabends mit zwei gefüllten Plastiktaschen zurück. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Sie schien erschöpft und wollte kein Abendessen. Wir hatten ausgemacht, dass sie ab jetzt im Wohnzimmer schläft. Sie war ja schließlich kein Kind mehr. Sie wirkte, als hätte sie große Sorgen.
Wie es weitergeht, erfahren Sie nächsten Mittwoch an derselben
Stelle.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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