Er liebte die Menschen

Welche ausgewiesenen Sozialpolitiker der ÖVP fallen Ihnen spontan ein? Die traurige Wahrheit: Es ist keine Position, der die Volkspartei heute eine zentrale Bedeutung zukommen lässt.
Gottfried Feurstein war zeit seines Lebens so ein ausgewiesen sozialer Konservativ-Politiker. Er liebte die Menschen. Er hörte ihre Geschichten, nahm sich ihrer kleinen und großen Probleme an. Auch als er sich altersbedingt längst aus den meisten Funktionen zurückgezogen hatte, war er weiter als VN-Ombudsmann aktiv, insgesamt 20 Jahre lang jede Woche Sprechstunden in den Bezirken. Angesetzt auf eigentlich zwei Stunden, sitzengeblieben ist er oft genug vier oder fünf. Dann intervenieren für die Hilfesuchenden bei Behörden und Institutionen. Er half ehrenamtlich bei falschen Einberufungsbescheiden zum Bundesheer, bei Pensionsproblemen, Justiz-Entscheidungen. Er nutzte seine Kontakte im Dienst der Menschen. Nicht für sich. Einer, der wie aus der Zeit gefallen zu sein schien. Diese Woche ist Gottfried Feurstein im 86. Lebensjahr gestorben.
Vieles, was Gottfried für so selbstverständlich hielt, fehlt in der heutigen Zeit.
Wir sollten alle ein bisschen Gottfried sein.
Die Populisten von heute würden einen wie Gottfried beschimpfen als „Mann vom System“. Es war ein gutes System, für das Gottfried Feurstein stand. Er arbeitete in seiner gesamten politischen Laufbahn daran, das soziale Netz enger zu knüpfen. Sei es in der Anrechnung von Kindererziehungszeiten zur Pension oder beim Pflegegeld – der Vorsitzende des Sozialpolitischen Ausschusses formte die Sozialgesetze dieser Republik. Er ist auch einer der Väter des heutigen Wohlstands im Landesbudget: Gottfried Feurstein ist es zu verdanken, dass Ende der Achziger- jahre die damalige Bundesbeteiligung der Illwerke nicht an die Börse, sondern in die Hand des Landes Vorarlberg kam.
Auch das ermöglichte die heutige Position des Landes-Stromkonzerns, dessen ständige Ausschüttungen eine Lebensversicherung für Vorarlberg sind und den Menschen zugutekommen. Im Zuge der Testamentsaffäre setzte sich Gottfried bei der damaligen Justizministerin dafür ein, dass Testamente sicherer gestaltet werden – was einige Monate später dann auch geschah.
Gottfried war 27 Jahre im Nationalrat, exakt ein halbes Jahrhundert in der Gemeindevertretung seiner Heimatgemeinde Andelsbuch. Zeitspannen, in denen sich Dinge verändern lassen. Zeitspannen, die davon zeugen, dass es da einer ernst meint. Dass er seine Lebenszeit in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Auch wenn er für Sitzungen im Bregenzerwald per Zug aus Wien anreisen musste. Ein christlich-sozialer Politiker, ein Poster-Boy der Demokratie. Das Hohe Haus machte er für geschätzte 50.000 Vorarlberger zugänglich, für ganze Generationen von Schülerinnen und Schülern, Studentinnen und Studenten.
Seine runden Geburtstage waren Zeugnis davon, wie viele Menschen zu Gottfried aufblickten, für wie viele Menschen er eine große Bedeutung hatte. Gottfried, stets wie aus dem Ei gepellt. Haltung, Krawatte, Frisur. Alles sitzt. Seine gewinnende Art lud zu Kompromissen ein, das Gemeinsame stand jederzeit vor dem Trennenden.
Vieles, was Gottfried für so selbstverständlich hielt, fehlt in der heutigen Zeit.
Wir sollten alle ein bisschen Gottfried sein.
Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.