Das Wunschhaus 3
Wieder ein Sonntag.
Die Familie bemühte sich um gutes Aussehen, der Vater trug seinen besten Anzug, ein wenig übertrieben wie er fand, die Mutter als Erkennungsmerkmal das rote Kleid, das Kind den Glockenrock. Vor dem Wunschhaus standen drei Autos, also waren die Töchter schon da. Also waren sie einander nicht gut, sonst wären sie zusammen in einem Auto gekommen. Eine öffnete die Tür, es war die Jüngste, „Holla“, sagte sie. Der Vater verbeugte sich, die Mutter und das Kind standen hinter ihm.
Auf dem Wohnzimmertisch lagen weiße Blätter und eine Füllfeder, also sollte es gleich zur Sache gehen. Thomas, der alte Hausbesitzer, saß in seinem Lehnsessel, wollte aufstehen, schaffte es aber nicht im Moment.
„Das ist die Familie, von der ich euch erzählt habe“, sagte er zu seinen Töchtern, die in Abständen voneinander saßen, als hätten sie Angst, sich anzustecken. Und zur Familie gewandt: „Ich liebe sie alle drei, aber sie lieben mich nicht. Ist das nicht traurig? Sie behaupten, ich hätte sie vernachlässigt, aber haben sie sich je um mich gekümmert? Da bleibt nur das Geschäft. Meine Töchter sind einverstanden, dass ich euch das Haus verkaufe, vorausgesetzt ihr kümmert euch um mich, bis ich gestorben bin und dann auch um mein Begräbnis. Ihr gebt mich niemals in ein Heim. Das kann einerseits günstig für euch sein, wenn ich bald sterbe, sollte ich aber noch viele Jahre leben – zwanzig wären möglich –, dann ist das für euch eine teure Angelegenheit. Überlegt euch das gut.“
Als Erstes meldete sich das Kind: „Wir wollen gern mit Ihnen in diesem Haus wohnen. Meine Mama war einmal Krankernschwester, sie kennt sich aus wie eine Ärztin. Mein Papa ist ein guter Handwerker, Hobby allerdings, er kann aber alles reparieren, und ich kann Geschichten erfinden und Ihnen eine gute Laune machen.“
„Dann ist das ja geklärt“, sagte die älteste Tochter, die so streng aussah wie ihre Frisur.
Die Mittlere sagte: „Wir unterschreiben den Vertrag, und Sie überweisen an jede von uns den entsprechenden Teil. Innert drei Wochen.“
Die Töchter baten den Vater, die Mutter und das Kind mit nach draußen. Die erste nahm die Mutter beiseite und überreichte ihr ein Paket.
„Was ist das?“
„Es sind Windelhöschen, er hat Einlagen, aber die reichen hinten und vorn nicht mehr.“
Die zweite gab dem Vater eine Schachtel mit Tabletten.
„Was ist das?“
„Tabletten, die ihm gut tun werden.“
„Wann werden sie ihm guttun?“
„Wenn es soweit ist.“
Die dritte gab dem Kind ein langes Stoffband, darauf waren zwanzigmal Name und Adresse des alten Mannes gedruckt. „Näh es ihm bei all seinen Sachen in den Kragen, damit er nicht verlorengeht.“
„Ist das nicht eine Schande!“, sagte der alte Mann, als seine Töchter gegangen waren. „Ich bin Luft für sie.“
„Nicht für uns“, sagte die Mutter. „Wir werden bei Ihnen in Ihrem schönen Haus sein.“
Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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