Michaela steht auf André und Caroline auf Pavarotti

Im Füranand-Treff in Dornbirn, wo sich Menschen mit und ohne Handicap treffen, ist einiges los. Die VN mischten sich unters bunte Völkchen.
Dornbirn Sozialbetreuerin Bianka Dölpl wartet an der Bushaltestelle auf Caroline (37), die blind ist. Als sie aus dem Bus aussteigt, begrüßen sich die beiden Frauen herzlich. Bianka führt Caroline zum nahegelegenen Füranand-Treff in Dornbirn, das ist eine Freizeiteinrichtung für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Dort sind bereits einige Gäste da. Christine, Michaela und Margarete unterhalten sich angeregt bei Kaffee und Kuchen. Als Caroline zur Tür hereinkommt, wird sie von den drei Frauen überschwänglich begrüßt. Man merkt: Die vier kennen und mögen sich. Sie haben auch schon viel zusammen unternommen mit der Füranand-Betreuerin. Gemeinsam erkundeten sie Städte, besuchten Märkte, Konzerte, Theater und Büchereien. Und auch Shopping, Schwimmen und Kino waren schon öfters angesagt. Heute aber sind sie bloß zum Kaffeeplausch zusammengekommen. Aber demnächst reisen sie gemeinsam nach Bern und schauen sich die Stadt im Westen der Schweiz an.
Michaela (36), die eine Lernschwäche und einen geschützten Arbeitsplatz in der Schule für Sozialbetreuungsberufe in Bregenz hat, kam vor drei Jahren zum ersten Mal in den Füranand-Treff. „Ich fühlte mich einsam, hatte keine Freunde und suchte Kontakt“, erklärt sie, warum sie diese Einrichtung aufsuchte. Heute hat sie Freunde, und zwar gleich mehrere, mit Christine, Caroline und Margarete. Auch André hat Licht in ihr Leben gebracht. „Ich habe ihn vor ein paar Wochen hier im Treff kennengelernt. Er ist so nett und lustig.“ Verliebtsein fühlt sich einfach schön an, findet sie und strahlt übers ganze Gesicht. Über ihr neues Glück freut sich auch ihre Tante, bei der die 36-Jährige lebt. Diese nahm sie als Dreijährige zu sich, nachdem Michaela von einem Balkon gefallen war.
Musik berührt ihre Seele
Betreuerin Bianka schlägt vor, eine Runde „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen. Caroline jauchzt. Denn sie liebt dieses Spiel. Sie hat ihr eigenes mitgebracht, eines, das auch blinde Menschen spielen können. Die Frau, die ohne Sehnerven und mit einer leichten geistigen Beeinträchtigung zur Welt kam, verbringt gerne einen Teil ihrer Freizeit im Füranand. Zweimal in der Woche besucht sie den Treff. Besonders gerne stöbert sie mit ihren Freunden vom Füranand in einschlägigen Geschäften nach CDS. Schöne Musik fesselt Caroline, die zu Hause eine große CD-Sammlung hat. „Es müssen um die 1200 CDS sein“, mutmaßt sie. Vor allem die unbeschwerte Musik von ABBA mag sie, aber auch Queen und Michael Jackson hört sie gerne. Manchmal lauscht sie auch den größten Opern-Hits. Die berühren ihre Seele so sehr, dass sie Gänsehaut bekommt. Was für Sehende ein schöner Sonnenuntergang ist, ist für die blinde Frau eine Arie von Luciano Pavarotti.
„Ich finde es zutiefst traurig, dass es Menschen gibt, die auf die Schwächsten losgehen.“
Christine
Caroline ist wegen ihrer Behinderung noch nie in eine große Krise gestürzt. Aber ihre Mutter Andrea weiß, dass es hin und wieder Situationen gibt, in denen sich Caroline nichts sehnlicher wünscht als sehen zu können. „Einmal schwärmte jemand in ihrer Gegenwart vom Meer. Plötzlich sagte meine Tochter: ,Wenn ich doch bloß sehen könnte.‘“ Caroline, die ein paar Stunden in einer Apotheke, bei einem Friseur und in der Jugendinfo aha arbeitet, würfelt einen Sechser. Mit ihm bringt sie ihre letzte Spielfigur „nach Hause“.
Die andern vier Frauen indes, die spielen weiter. Christine (53), deren Gehirn bei der Geburt wegen Sauerstoffmangels geschädigt wurde und die seither Spastikerin ist, ist auch schon auf einem guten Weg. Sie muss nur noch eine Spielfigur „heimbringen“. Seit die 53-Jährige in Invalidenrente ist, also seit dem Jahr 2017, kommt sie in den Füranand-Treff, vor allem der Unterhaltung wegen. „Ich habe viel Zeit und nur wenige Freunde.“ Christine ist froh, dass sie nicht mehr arbeiten muss. Hinter ihr liegen viele Jahre schwerer körperlicher Arbeit. „Ich habe 28 Jahre lang in einem Pflegeheim geputzt.“ Die Arbeit bewältigte sie trotz ihrer Beeinträchtigung gut. „Die anderen Mitarbeiter trugen mich mit. Aber das Schlimme war, dass ich über Jahre gemobbt wurde. Meine Chefin nannte mich nur ,die Geschützte‘. Das klingt wie ,Volltrottel‘.“ Die gehandicapte Frau findet es zutiefst traurig, dass es Menschen gibt, die auf die Schwächsten losgehen. „Wenn sie nur einen Tag meine Behinderung hätten, dann würden sie niemanden mehr diskriminieren“, meint Christine und ärgert sich, dass Margarete gerade ihre Figur geschlagen hat.
Kommt hier auf andere Gedanken
Lächelnd entschuldigt sich Margarete dafür. Die 60-Jährige fühlt sich sichtlich wohl in der Frauenrunde. Die geselligen Stunden im Füranand tun der Frühpensionistin, die unter depressiven Verstimmungen leidet, gut. Zu Hause fällt ihr die Decke auf den Kopf. Dort quälen sie oft trübe Gedanken. „Da habe ich zu nichts Lust.“ Hier, im Füranand, kommt sie auf andere Gedanken.