Mädchen weinen
„Papa“, sagte die Dreizehnjährige, „Papa!“ Ihr liebes Gesicht war angeschwollen, die Augen rot. „Papa, ich habe den ganzen Tag geweint!“
Die Tochter wohnte zur Hälfte bei ihrer Mutter, dann bei ihrem Vater, in dieser Woche bei ihrem Vater. Es war Mittwoch.
Das Mädchen hatte die Hände vor ihr Gesicht geschlagen und schluchzte.
„Aber warum nur?“, fragte der Vater, „warum um Dreiteufelsnamen weinst du? Hat dir jemand etwas angetan? Bist du verletzt worden?“
Der Vater zog sie zu sich, er setzte sie auf seinen Küchenstuhl, zog sie zu sich auf seine Knie.
Das Mädchen schüttelte den Kopf. Der Vater zog sie zu sich, er setzte sie auf seinen Küchenstuhl, zog sie zu sich auf seine Knie.
„Du riechst nach Baby. Sprich mit mir!“, sagte er. „Ich muss es wissen, ich muss wissen, wer dich so zum Weinen bringt! Sag es mir!“ – und halb schon im Spaß: „Ich bin dein Rächer. Ich werde die Sache zu Ende führen.“
„Es gibt keine Sache, Papa, es gibt nichts, was du zu Ende führen musst. Ich weine einfach, ich weine und weiß nicht warum. Es kommt aus mir heraus. Die Traurigkeit kommt aus mir heraus, und ich hoffe, durch mein Weinen verlässt sie mich bald.“
„Wer verlässt dich?“, fragte der Vater, jetzt schon leicht genervt.
„Die Traurigkeit verlässt mich, indem ich weine, verlässt sie mich.“
„Das ist Unsinn!“, sagte der Vater und schaukelte das Kind ungeduldig auf seinen Knien. „Weinst du auch bei der Mama oder nur bei mir?“
„Das mit dem Weinen, Papa, hat nichts mit euch zu tun. Ich weine, und die Traurigkeit verschwindet.“
„Weinen deine Freundinnen auch, ist das eine neue Mode? Weint ihr über die Weltlage, über die unnötigen Kriege, über das Leid, das die Kriege verursachen, über die Ungerechtigkeit der Welt? Weinst, du, Tochter, weil es uns gut geht und den anderen schlecht? Sag es mir!“
Das Mädchen rutschte von den Knien des Vaters, stellte sich vor ihn hin und sagte mit klarer Stimme: „Es ist vorbei. Ich weine nicht mehr, Papa. Meine Freundinnen haben nicht mitgeweint. Ich war ganz allein. Meine Sache. Und jetzt ist es vorbei. Du kannst dich beruhigen, Papa. Deine Tochter ist wieder normal.“
„Wir gehen zu einem Psychiater“, sagte der Vater. „Gleich morgen will ich meinen Freund, den Psychiater, anrufen. Er wird dir ein Medikament geben, das nimmst du einen Monat lang, und wenn dir davon schlecht wird, gibt er dir ein anderes, das du gut verträgst. Ich nehme an, er wird sagen, das ist der Schulstress. Du wirst dich erholen, und alles wird gut.“
„Du musst es wissen, Papa, du bist der mit der Lebenserfahrung. Kann ich jetzt gehen? Ich spaziere zum Donaukanal, nein, nicht mit Freundinnen, ganz allein. Ich muss nachdenken.“
Monika Helfer
monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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