Der zerbrochene Mann

Vorarlberg / 18.10.2023 • 06:30 Uhr
Der zerbrochene Mann

Fünf Wege, eine Familie zu gründen (5).

Einem Mann mit einem Intelligenzquotienten wie Leonardo da Vinci geschah ein Unglück.

Er war verheiratet mit einem Mann, der nannte ihn Darling, und bald sagten viele Darling zu ihm. Sein Fluch war das Essen. Alles schmeckte ihm. Er wog in seinen schlechtesten Zeiten 147 Kilo.

Darling saß auf der Toilette seines Hotelzimmers, und als er aufstehen wollte, warf es ihn auf den Klinkerboden, gerade, dass seine massige Gestalt den Raum ausfüllte wie ein hoch aufgequollener Teppich. Er verlor das Bewusstsein. Als er wieder die Augen aufschlug, sah er den Feuermelder an der Decke. Er würde sterben und seinen Mann nie wieder sehen. Sie waren seit siebzehn Jahren zusammen, seit drei Jahren verheiratet, und nie war einer fremdgegangen. Dann wurde er wieder ohnmächtig.

Die Putzfrau fand Darling. Sie kniete sich vor ihn nieder und fühlte seinen Puls und rief nach Hilfe, zwei Männer kamen. Er konnte nicht aufgehoben werden, wie man normale Bewusstlose aufhebt. Die Sanitäter bemühten sich mit einer Spezialliege, die wurde unter seinen massigen Körper gewalzt. Er wird es nicht überleben, sagte der eine. In Darlings Hosentasche fanden sie die Telefonnummer seines Mannes. Den riefen sie an, und Stunden später stand er in der Intensivstation des Spitals.

Darling war zu dieser Tagung gereist und konnte jetzt durch keinen ebenbürtigen Teilnehmer ersetzt werden. Sein Mann nahm die schlaffe Hand seines Mannes. Mehr durfte er nicht. Der Monitor über dem Bett war dunkel. Schalten sie die Monitore ab, wenn der Mensch im Sterben liegt? Der Mann fing das Wort Tracheostoma auf und sogleich suchte er auf seinem Handy den Begriff: Luftröhrenschnitt, das klang gefährlich, dann lieber das lateinische Wort.
Darlings Mann wurde fortgeschickt. Draußen warten, bitte. Was, wenn mein einziger Mensch nicht mehr ist, dann ist meine Welt leer. Er saß im OP-Warteraum und betete sein einziges Kindergebet. Ein alter Vogel fällt erfroren von einem Ast. Darlings Pyjamas sind noch in der Reinigung. Da war doch auch noch ein Nachthemd, groß wie ein Leintuch. Wird Nachtwäsche vom Spital bereitgestellt? Haben die so große Stücke? Gibt es Näherinnen, die so ein Teil rasch nähen? Lesen wird er nichts können. Was für eine Musik will er hören? Seinen Brahms? Wie ist das nach der OP mit dem Hören? Ich weiß überhaupt nichts, dachte Darlings Mann.

Darling lag auf dem Tisch.

„Wir wissen noch nicht, in welche Richtung es geht“, sagte einer der Chirurgen. „Ein Weichteilhämatom rechts wurde diagnostiziert, Zeichen einer akuten Blutung.“

Er denke, sagte der jüngste der drei Chirurgen draußen zu Darlings Mann, der Patient komme gleich vom Tisch. Was das heiße? „Das heißt: Operation abgeschlossen.“

Hatte er genügend Erfahrung, um das zu beurteilen? Lieber wäre Darlings Mann gewesen, ein erfahrener Chirurg, der mit dem grauen Bart und der Glatze, hätte diese Mitteilung gemacht.
Geduld. Geduld.

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.