Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Empörung überall

Vorarlberg / 09.10.2023 • 05:30 Uhr

Empörung gehört zum politischen Geschäft. Politik lebt von gegensätzlichen Haltungen. Doch in Österreich ersetzt Empörung immer mehr den Diskurs.

Empörung hat Dauerbetrieb, nicht immer bei wichtigen Themen. Die SPÖ hat ungefragt Tipps für den Wahlkampf vom dann zurückgetretenen Geschäftsführer des SORA-Instituts, Günther Ogris, erhalten. Empörung bei den anderen Parteien, besonders bei der ÖVP. Die wurde bald, wie man in Wien sagt, „schmähstad“, als sie versehentlich ein Mail über geplante U-Ausschüsse (auch gegen die Grünen) an die Neos geschickt hat, die das dann publik machten. Und das Nehammer-Video. Natürlich peinlich, etwas zynisch und herzlos. Aber bei der Kritik der Mitbewerber war einiges an Heuchelei dabei und der Versuch, von eigenen Problemen abzulenken. Bei der SPÖ, dass sich Wiener Spitzenfunktionäre mit Umwidmungen an einem Badeteich ein hübsches Körberlgeld verdient haben. Bei der FPÖ, dass sich Alt-Mandatare zu den Taliban nach Afghanistan aufgemacht hatten. Das passt schon gar nicht zum Slogan „Daham statt Islam“. Parteichef Kickl konnte sich gar nicht einkriegen vor lauter Empörung und wollte die Exkursion kleinreden („Politrentner ohne Bedeutung“). Angesichts so viel geballter, echter und gespielter Empörung ist – nur ein Beispiel! – untergegangen, dass es bei einem internationalen Uni-Ranking keine heimische Hochschule unter die besten 200 schafft. Darüber hat sich kein Mensch empört.

Hierzulande empören sich Gegner der Fristenlösung (m/w) über die Pläne der von Teilen ihrer Partei im Regen stehengelassenen Gesundheitslandesrätin, weiterhin legale Abtreibungen möglich zu machen, wenn der bisher praktizierende Arzt in Pension geht. Und das über 50 Jahre, seitdem Abbrüche in den ersten drei Monaten straffrei sind. Damit hat es Vorarlberg bis auf die Titelseite der renommierten „ZEIT“ geschafft. Man erinnert sich an die Sechziger- und Siebzigerjahre: Verbot von Twist, des Festivals Flint in Götzis, des Films „Das Schweigen“. Respekt für das Outing der abgetretenen SPÖ-Chefin Sprickler-Falschlunger, die sich gerade im „Standard“ zu einer Abtreibung vor vielen Jahren bekannt hat. So etwas hätte vor nicht allzu langer Zeit in Vorarlberg einen Shitstorm ausgelöst. Da sind wir jetzt etwas weiter.

Empörung gab es auch, als unser Bischof Benno sagte, dass er Abtreibungen in Spitälern ablehnt. Doch der Bischof ist halt nicht Vertreter einer liberalen Partei, sondern hat nur das wiedergegeben, was offizielle Haltung der Katholischen Kirche ist. Schon vergessen, dass sein Chef, Papst Franziskus, das ungleich schärfer formuliert hat („Abtreibung ist vergleichbar mit dem Anheuern eines Auftragsmörders“)? Wie der Leserbrief-Spalte zu entnehmen ist, ist die Empörungswelle der Abtreibungsgegner noch nicht abgeflaut. Was da plötzlich an gynäkologischen Fachkenntnissen auftauchen! Jeder will recht haben, keine hört zu. Die Empörung provoziert, berechtigterweise, Gegen-Empörung von jenen, die darauf pochen, dass das Gesetz eingehalten wird. Problematisch wird es, wenn Empörung auf Verschwörungstheorien und faktenwidrigen Behauptungen basiert. Corona steht möglicherweise vor der Tür. Und schon sind sie wieder unterwegs, die Corona-Leugner. In Feldkirch jüngst mit einer langen Reihe von Schautafeln über angebliche Tote nach Impfungen, mit Grablichtern und Trauer-Parten. Erfreulich daran: Fast alle Passanten haben die aus Deutschland importierte Inszenierung ignoriert. Wie hat das Nobelpreis-Komitee den Preis für Chemie an Entwickler von mRNA-Impfstoffen begründet? „Die Impfstoffe haben Millionen von Menschen das Leben gerettet und viele weitere schwere Erkrankungen verhindert.“ Fakten bleiben Fakten.

Wolfgang Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.