„Über die Grenze“: Wie Friedrich Frolik zweimal die Flucht misslang

Vorarlberg / 29.09.2023 • 16:45 Uhr
Friedrich Frolik, 1941. <span class="copyright">Archiv des Landesgerichts Feldkirch</span>
Friedrich Frolik, 1941. Archiv des Landesgerichts Feldkirch

Friedrich Froliks Flucht in die Schweiz scheiterte zwischen Rhein und Ill.

FELDKIRCH Der Fluchtversuch von zwei jungen Tschechen im August 1942 steht diese Woche im Fokus der gemeinsamen Serie der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems. Friedrich Frolik, ein tschechischer Heizungsmonteur mit deutschem Pass, arbeitete bis zum Sommer 1942 als Kraftfahrer der NSKK-Transportstaffel 57 in Linz. Während eines Urlaubs, den der 27-Jährige zunächst in Budweis verbrachte, reiste Frolik mit seinem 22-jährigen Freund Franz Irmisch am 24. August von Linz über Salzburg und Innsbruck nach Feldkirch, wo sie tags darauf wohl versuchten, über die Grenze in die Schweiz oder nach Liechtenstein zu gelangen, dabei allerdings nahe Bangs von einem Hilfszollassistenten festgenommen wurden.

Franz Irmisch, hinter ihm die ersehnte Schweiz. <span class="copyright">Archiv des Landesgerichts Feldkirch</span>
Franz Irmisch, hinter ihm die ersehnte Schweiz. Archiv des Landesgerichts Feldkirch

Friedrich Frolik und Franz Irmisch, die sich anschließend vor dem Feldkircher Amtsgericht wegen eines „versuchten Passvergehens“ verantworten mussten, bestritten in ihrer Anhörung jedoch entschieden, den Grenzübertritt versucht zu haben. Stattdessen gaben sie an, lediglich einen Spaziergang rund um Feldkirch gemacht zu haben, was ihnen von den Behörden nicht geglaubt wurde.

Über die genaue Route, welche die beiden ab der Innenstadt an die „Reichsgrenze“ genommen hatten, liegen keine validen Aussagen vor. Dafür wurden aber drei Fotos aus der laut Vernehmungsprotokoll konfiszierten „Agfa Box“ entwickelt, wobei zwei dieser Aufnahmen die Fluchtgenossen nebst einem Maisfeld zeigen – im Hintergrund der jenseits der Grenze liegende Hohe Kasten – und damit noch auf dem Weg zu jenem Wäldchen am Illdamm, wo sie wenig später aufgegriffen wurden.

Ob sie tatsächlich die Ill für den vermeintlichen Grenzfluss gehalten oder nur den Weg bis zum Rhein noch nicht gefunden hatten, bleibt offen. Fest steht aber, dass sich Friedrich Frolik bald darauf in der Zelle 52 der Haftanstalt Feldkirch wiederfand, in der fünf von sechs weiteren Häftlingen gerade Ausbruchspläne schmiedeten.

Friedrich Frolik in Feldkirch (im Hintergrund der Hohe Kasten), August 1942.<br><span class="copyright">Archiv des Landesgerichts Feldkirch</span>
Friedrich Frolik in Feldkirch (im Hintergrund der Hohe Kasten), August 1942.
Archiv des Landesgerichts Feldkirch

Der Vorgangsweise seiner Zellengenossen Josef Höfel und Heinrich Heinen (deren Geschichte im Projekt www.ueber-die-grenze.at ebenfalls behandelt wird) sowie Othmar Rathgeb, Paul Schwetling und Erwin Kermer ist den Aussageprotokollen zu entnehmen und sah am 30. August vor, den Mitinsassen Helmut Schwendinger bis zur Bewusstlosigkeit zu würgen und zu knebeln. Ein herbeigerufener Aufseher wurden daraufhin bei der Nachschau in der Zelle überfallen, entwaffnet und schließlich mit seinem Kollegen in die Zelle gesperrt.

Flucht aus dem Gefängnis

Nachdem die sechs jungen Männer gemeinsam durch den Nachteingang die Flucht ergriffen hatten, trennten sich ihre Wege, doch über die Grenze schafften sie es allesamt nicht. Friedrich Frolik wurde bereits nach wenigen Stunden erneut im Bereich Bangs festgenommen und verblieb nun bis zu seiner Gerichtsverhandlung in Haft. Am 23. September richtete er in radebrechendem Deutsch einen Brief an seine Mutter sowie die Geschwister in Budweis, in dem er über seinen Verbleib berichtete. Doch statt in Budweis landete sein Schreiben beim Volksgerichtshof in Wien, ehe es nach Feldkirch retourniert wurde.

Verurteilung

Über die Haftbedingungen ist zwar aus dem Brief nichts zu erfahren, dafür gibt ein weiteres Schriftstück des vorliegenden Gerichtsakts Auskunft über den nicht zimperlichen Umgang mit den Häftlingen. So wurden etwa am 2. November die Übergabe der Wertsachen von Frolik und Irmisch an die Feldkircher Gerichtskassa dokumentiert, die neben verschiedener Bargeldbeträge auch zwei Zahnfüllungen von Irmisch umfasste, deren Masse ursprünglich irrtümlicherweise für Gold angesehen wurde. Am 19. Mai 1943 fällte das Sondergericht am Landgericht Feldkirch sein Urteil, sprach Friedrich Frolik schuldig und verhängte die im strengen Gesetzbuch der damaligen Zeit vorgesehene Todesstrafe.

Brief von Friedrich Frolik an seine Mutter, 23. September 1942. <span class="copyright">Archiv des Landesgerichts Feldkirch</span>
Brief von Friedrich Frolik an seine Mutter, 23. September 1942. Archiv des Landesgerichts Feldkirch

Dem folgenden Gnadengesuch des entsetzten Protagonisten, das nicht zuletzt auch die Befürwortung der Richter fand, wurde letztlich nicht stattgegeben. Friedrich Frolik wurde am 2. Juli im Gefängnis München-Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. RAE