Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Aus der Zeit gekippt

Vorarlberg / 26.07.2023 • 07:29 Uhr

Es ist jetzt . . . ganz automatisch hebt sich der linke Arm, das Handgelenk vollzieht eine Vierteldrehung nach innen, aber die Augen suchen das Zifferblatt vergeblich. Die Armbanduhr ist offenbar abgestreift worden. Irgendwo. Liegt jetzt wahrscheinlich neben dem Handy, das sich auch verkrümelt hat. Es ist jetzt … also … vielleicht so gegen halb drei? Aber ist das wichtig?

Aus der Zeit gekippt! Sowas geschieht im Urlaub. Man isst dann nicht mehr zu festen Zeiten, sondern wenn man Hunger hat. Das kann ein Frühstück locker in die Mittagszeit verlegen. Man verliert auch den Überblick über die Wochentage. So, also Mittwoch ist heute, tatsächlich! (Die Marktfahrer haben den Verdacht keimen lassen, die verlässlich zur Wochenmitte ihre Waren feilbieten.)

So verludert man. Wird wie ein loses Blatt, das der Wind vor sich hertreibt. Und in der höchsten Form dieses köstlichen Lebensgefühls trifft man auch seine Verabredungen, wie Menschen das früher taten, noch ehe Uhren Massenware wurden. Man sagt dann: Wir treffen uns bei Sonnenuntergang oder bei Einbruch der Nacht. Das Umfeld denkt: Der ist ja irre! Und das selige Lächeln desjenigen, dem die Bürde der Zeit von den Schultern genommen wurde, bestätigt das eindrucksvoll. Aber das ist schon ok. Das ist der Preis. Am besten, man lässt alle in dem Glauben und kommt selbst ein wenig früher zum vereinbarten Treffpunkt. Dann erwischt man nämlich die blaue Stunde – auch so eine Kostbarkeit, die Uhren nicht messen können, indes Millionen geschundener Seelen sich nach ihr sehnen.