“Ganz schlimm schaut es dahinter aus”

Vorarlberg / 01.05.2023 • 21:10 Uhr
Bürgermeister Andreas Kresser zeigt die Risse, die im Haus der Matts entstanden sind. <span class="copyright">Vn/Paulitsch</span>
Bürgermeister Andreas Kresser zeigt die Risse, die im Haus der Matts entstanden sind. Vn/Paulitsch

Erste Messergebnisse nach Hangrutsch in Hörbranz liegen vor. Heute, Dienstag, soll es eine erste Tendenz geben.

Hörbranz In den Wänden des Bauernhauses der Familie Matt sind mehrere Meter lange Risse zu erkennen. Der Asphalt der Straße hat sich sichtbar verformt. Von dem Waldstück ist kaum mehr etwas übriggeblieben. Die Gerölllawine hat fast alles mitgenommen, die Bäume wie Zündhölzchen geknickt. Bürgermeister Andreas Kresser steht auf dem Parkplatz der Matts und schaut in Richtung des dahinterliegenden Hangs. “Das ist noch nicht alles, was man da sieht. Ganz schlimm schaut es hinter den noch stehenden Bäumen aus”, sagt er.

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Die Eindrücke der Ereignisse, die sich in der Nacht auf Samstag in Hörbranz im Bereich Hangreute abgespielt haben, sitzen bei allen Beteiligten noch tief. Ein Anrainer hatte kurz nach 22 Uhr die Polizei alarmiert, weil beunruhigender Lärm aus dem Wald zu hören war.

Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist nur aus der Luft erkennbar. <span class="copyright">FW Hörbranz</span>
Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist nur aus der Luft erkennbar. FW Hörbranz

Markus Schupp, Kommandant der Feuerwehr Hörbranz, war einer der Ersten vor Ort: “Es war am Anfang sehr bedrohlich, weil du kaum etwas gesehen hast. Du hast nur das massive Knacken gehört und das Rollen des Gerölls. Erst mit der Zeit hat man gesehen, dass Bäume vorfallen und dass größere Felsbrocken schon aus dem Wald auf die Wiese raus gerollt sind”, schildert Schupp. Die Einsatzkräfte haben umgehend die Evakuierung der darunterliegenden Häuser veranlasst. Das ganze Ausmaß der Zerstörung zeigte sich am nächsten Morgen bei einem Hubschrauberflug.

In den Wänden des Bauerhauses der Familie Matt sind mehrere Meter lange Risse entstanden.
In den Wänden des Bauerhauses der Familie Matt sind mehrere Meter lange Risse entstanden.

100.000 Kubik

Ein Waldhang ist auf einer Breite von rund 150 Metern in Bewegung geraten. Insgesamt haben sich 100.00 Kubikmeter Fels gelöst. Das Material drückt nun auf eine alte Rutschmasse, die sich dadurch verformt. Dem Landesgeologen Walter Bauer war bereits in der Nacht klar, dass da etwas Gröbers im Gange ist. Um den Druck etwas vom Hang zu nehmen, wurde am Sonntag hinter dem Hof der Familie Matt ein zwei Meter tiefer Entlastungsgraben ausgehoben. “Bis Montagvormittag ist er schon drei Zentimeter zugegangen”, schildert der Bürgermeister.

Der Plan zeigt die unterschiedlichen Messpunkte.
Der Plan zeigt die unterschiedlichen Messpunkte.

Parallel dazu wurden 14 Vermessungspunkte gesetzt. Die ersten Ergebnisse wurden den Bewohnern am Montagnachmittag mitgeteilt. Walter Bauer zeigt auf einem Plan auf den Punkt vier. “Hier hat sich der Hang innerhalb von knapp 24 Stunden um 50 bis 60 Zentimter verschoben.” Wie sich die Rutschung entwickeln wird, kann auch er noch nicht genau abschätzen. Fest steht nur: Aufhalten kann man so einen Hang nicht. “Ein Gefühl bekommen wir, wenn wir am Dienstag die Folgemessung gemacht haben. Im Prinzip ist es so, dass jede Rutschung langsam anfängt, dann eine schnelle Phase hat und dann wieder langsam wird. Sie wird niemals stoppen, sie geht dann aber in eine Kriechbewegung über”, erläutert der Landesgeologe. 

Der Entlastungsgraben hinter dem Haus der Matts.
Der Entlastungsgraben hinter dem Haus der Matts.

Große Solidarität

Die Bewohner sind mittlerweile wieder zurück in ihren Häusern. Auch das Haus der Matts, in dem sich drei Wohnungen befinden, ist laut dem Statiker weiter bewohnbar. “Der größte Schock ist Gott sei Dank vorbei. Dass alle Menschen so helfen ist etwas, was ich vorher noch nie erfahren habe und das ist wahrscheinlich auch der größte Trost, die größte Kraft und das schönste Geschenk”, sagt Veronika Matt.

Landesgeologe Walter Bauer (l.) und Bürgermeister Andreas Kresser (r.) mit Veronika, Angelika und Leonhard Matt.
Landesgeologe Walter Bauer (l.) und Bürgermeister Andreas Kresser (r.) mit Veronika, Angelika und Leonhard Matt.

Insgesamt 39 Anwohner mussten Mitten in der Nacht ihre Häuser verlassen. “Meine Tochter ist ins Schlafzimmer gekommen und hat gesagt: Mama pack’ etwas zusammen wir müssen gehen. Ich hab mich natürlich nicht ausgekannt, was da jetzt los ist”, erzählt Mutter Theresia Matt (78), die zunächst im Altersheim in Oberlochau und jetzt bei einem Schwager untergekommen ist.  Was ihr durch den Kopf geht, wenn sie das alles hiert sieht? “Hm”, macht sie nur. Ihre Tochter Veronika versucht den Seufzer ihrer Mutter in Worte zu fassen: “Ich glaube, dass sie es das ganze Ausmaß noch gar nicht richtig realisiert hat.”

Von dem Wald ist nicht mehr viel übriggeblieben.
Von dem Wald ist nicht mehr viel übriggeblieben.