So ein Glück: Kultkiosk hat eine neue Pächterin

Vorarlberg / 25.04.2023 • 17:42 Uhr
Der fröhlich anmutende Kiosk hat das Herz von Tamara Faber im Nu erobert. „Er ist ein Denkmal und ein besonderes, putziges kleines Scheißerchen", sagt sie.  <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Der fröhlich anmutende Kiosk hat das Herz von Tamara Faber im Nu erobert. „Er ist ein Denkmal und ein besonderes, putziges kleines Scheißerchen", sagt sie. VN/Paulitsch

Sobald das Wetter mitspielt, präsentiert sich der Milchpilz in Bregenz in neuem Glanz. 

Bregenz Sein Äußeres ist einzigartig. Keine andere Verkaufsstelle in Vorarlberg sieht auch nur annähernd so aus wie er. Insgesamt sollen nur noch sechs Stück seiner Art in Betrieb sein. Der rote Hut mit den weißen Punkten hat ihm sogar Kultstatus verschafft. Gleichzeitig ist er äußerst standfest. In Bregenz befindet er sich seit 1953 praktisch am selben Ort. Nur einmal, im Jahr 1997, musste er um etwa 30 Meter versetzt werden, weil er den Verkehrsplanern im Weg stand und Bürger gegen die Abrisspläne mobil machten. Pünktlich zum 70. Geburtstag hat er eine neue Pächterin.

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Tamara Faber (47) vom Café „Die Welle“ am Hafen führt ab sofort auch den Milchpilz. Wie viele Vorarlberger verbindet sie mit dem kleinen Häuschen in Fliegenpilzform Kindheitserinnerungen. „Jeder wollte hier her. Es war der Treffpunkt schlechthin“, blickt sie zurück.

Da die „Welle” nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Milchpilz entfernt ist, ist die Gastronomin in den letzten 13 Jahren außerdem fast täglich daran vorbeigefahren. Dass sie selbst einmal drinnen stehen würde, hätte sie bis vor kurzem trotzdem nicht gedacht. „Das ist Schicksal. Es ist mir zugefallen“, sagt sie und lacht. Noch im Februar hat sie mit ihrer Mama darüber geredet, dass ein zweites Standbein ganz cool wäre. Dabei ist auch der Name Milchpilz gefallen. Da der Kiosk seit 36 Jahren in der Hand derselben Pächter war, “habe ich gedacht, der wird eh nie frei. Kurz darauf ist in der Zeitung gestanden, dass sie einen neuen Pächter suchen“, erzählt die 47-Jährige.

Der Milchpilz bei der E röffnung im Jahr 1953. Damals stand er noch 30 Meter weiter in Richtung Bahnhof.
Der Milchpilz bei der E röffnung im Jahr 1953. Damals stand er noch 30 Meter weiter in Richtung Bahnhof.
Früher war der Milchpilz schon ab 7 Uhr morgens geöffnet. "Viele sind vor dem Arbeiten dort ihre Brötchen holen gegengen. Der Plan ist, dass wir auch wieder um 7 Uhr aufmachen", sagt Tamara Faber.
Früher war der Milchpilz schon ab 7 Uhr morgens geöffnet. "Viele sind vor dem Arbeiten dort ihre Brötchen holen gegengen. Der Plan ist, dass wir auch wieder um 7 Uhr aufmachen", sagt Tamara Faber.
Dieses Foto entstand im Jahr 1975.
Dieses Foto entstand im Jahr 1975.

Der Milchpilz ist Blickfang, Orientierungspunkt, Treffpunkt und Kiosk zugleich. Oder wie TamaraFaber sagt: “e”Ein besonderes, putziges kleines Scheißerchen.” Die Hüttchen sind ab Anfang der 1950er-Jahren buchstäblich aus dem Boden geschossen. Verantwortlich dafür war die Hermann Waldner KG aus Wangen im Allgäu. Die Firma war in der Milchwirtschaft tätig. Damit ihre Produkte mehr gekauft werden, versuchte Firmenchef Anton Waldner mehr Milch unters Volk bringen. Die von ihm entworfen Hüttchen fanden reißenden Absatz, obwohl sie zum Preis von 6623 D-Mark nicht gerade billig waren. Im Gegenteil: Ein VW Käfer in seiner billigsten Ausführung kostete damals 4600 D-Mark.

Das Werbeplakat von Waldner.
Das Werbeplakat von Waldner.

Die Pilze, die anfangs etwas sperrig „Milchverbrauchswerber“ genannt wurden, wurden fertig montiert geliefert, Einbaukühlschrank, Schlagsahnezapfer und Eismaschine “Rapidchen” inklusive. Bis 1958 verließen insgesamt 49 Stück das Werk in Wangen. Neben Deutschland fanden sie auch Abnehmer in Österreich, der Schweiz, in Italien, Frankreich, Belgien und Griechenland. Bregenz hat seinen Milchpilz vor 70 Jahren, am 20. Juli 1953 bekommen. Seit 2007 ist er eines von 198 denkmalgeschützten, unbeweglichen Objekten in der Landeshauptstadt. Eigentümer ist die Vorarlberg Milch.

Damit sichergestellt ist, dass der Milchpilz erhalten bleibt, hat die Landeshauptstadt Bregenz im Jahr 2015 einen Optionsvertrag mit „Vorarlberg Milch“ geschlossen. Dadurch erhielt die Stadt ein dreißigjähriges Recht, den traditionsreichen Kiosk zum Preis von 20.000 Euro, wertgesichert ankaufen zu können.
Damit sichergestellt ist, dass der Milchpilz erhalten bleibt, hat die Landeshauptstadt Bregenz im Jahr 2015 einen Optionsvertrag mit „Vorarlberg Milch“ geschlossen. Dadurch erhielt die Stadt ein dreißigjähriges Recht, den traditionsreichen Kiosk zum Preis von 20.000 Euro, wertgesichert ankaufen zu können.
Sobald das Wetter schön ist, startet Tamara Faber mit dem Milchpilz durch.
Sobald das Wetter schön ist, startet Tamara Faber mit dem Milchpilz durch.
Beim Milchpilz wird auch weiterhin Milchshakes, belegte Brötchen, Softdrinks und Kaffee geben.
Beim Milchpilz wird auch weiterhin Milchshakes, belegte Brötchen, Softdrinks und Kaffee geben.

Tamara Faber möchte das Traditionelle behutsam mit Neuem verbinden. „Mir war wichtig, dass man auch sieht, dass es eine Veränderung gibt“, sagt die neue Milchpilz-Chefin. Der Name ist dabei Programm. An den kleinen Fenstern und Türen hängen jetzt rote Vorhänge mit weißen Punkten. Auch die Stehtische tragen rot-weiß. Da es keine roten Töpfe mit weißen Punkten gab, hat Tamara Faber die roten Töpfe kurzerhand selbst mit weißen Punkten beklebt.

Am Angebot selbst ändert sich nicht viel. Es wird auch weiterhin Milchshakes, belegte Brötchen, Softdrinks und Kaffee geben. „Wir werden die Milchshakes vielleicht ein bisschen mit Toppings pimpen und die belegten Brötchen heißen jetzt anders“, ergänzt sie. Wenn das Wetter mitspielt, ist die Eröffnung morgen, Donnerstag (27. April) geplant. Bis September ist der Milchpilz dann jeweils bei Schönwetter von Montag bis Sonntag von 9 Uhr bis 18 Uhr geöffnet.

2013 wurde der Milchpilz anlässlich der neuen Designlinie der „Art Design“-Messe mit schwarzer Folie verkleidet.  <span class="copyright">VN/Hartinger </span>
2013 wurde der Milchpilz anlässlich der neuen Designlinie der „Art Design“-Messe mit schwarzer Folie verkleidet.  VN/Hartinger